Vernetzte Freundschaften
Im Internet entstehen neue Formen sozialer Netzwerke
Neue Formen sozialer Netzwerke beobachten Wissenschaftler im Internet. Wer chattet, in Foren schreibt oder ein Blog betreibt, nutzt die besonderen Vorzüge der virtuellen Kommunikation: Sie ist anonym, interessengelenkt und kann zu realen Freundschaften führen. Eine kleine Minderheit der Nutzer begibt sich nach Ansicht der Forscher allerdings auf diesem Weg in die soziale Isolation.
Das Wochenende wird anders. Der Computer von Nina Schütz bleibt ausgeschaltet, sie wird nicht wie sonst ständig online sein. Sie wird nicht mit drei Freundeskreisen chatten, über das Internet mit ihnen telefonieren oder in virtuelle Schlachten ziehen.
Am Wochenende wird das Internet-Leben der 31-Jährigen zum "Real Life", zum echten Leben. Von "ghulmaster", wie sie sich im Internet nennt, wird sie dann für ihre Allianz der "Fiesen Friesen" zu Nina und bummelt mit anderen Raumschiffbesitzern und galaktischen Kriegsherren durch Oldenburg.
Die "Fiesen Friesen" sind ein Spielerverbund im Internet-Spiel "Icewars", das nach eigenen Angaben derzeit über 5200 Spieler hat. In den Foren des Spiels geht es zwar auch um Kriege, Strategien und Allianz-Fehden, aber großen Raum nimmt das Thema "Treffen" ein. Gemeinsame Kinobesuche, Kneipenabende und eben ganze Wochenenden werden hier geplant.
Virtuelle und reale Welten verschmelzen
Die Verschmelzung vom Leben in der realen und in der virtuellen Welt ist ein Phänomen, das seinen Weg in die Wissenschaft gefunden hat. Kommunikationsforscher, Informatiker sowie Sozial- und Medienpsychologen interessieren sich für das Online-Offline-Gefüge. "Es entstehen neue Formen sozialer Netzwerke", erklärt Christoph Klimmt vom Institut für Kommunikationsforschung Hannover.
Die Kommunikationsbedürfnisse der Menschen hätten sich dabei allerdings nicht gewandelt. Ein gut funktionierendes soziales Umfeld ist laut Klimmt immer noch sehr wichtig. "Es gibt jetzt mehr und kostengünstige Kanäle", schildert er. Foren und Blogs werden genutzt, um interessengelenkt in Kontakt zu treten. "Wenn ich in meine Stammdisco gehe, dann habe ich mit den Leuten dort nur den Musikgeschmack gemeinsam. Im Forum kann ich nach Leuten mit meinen Interessen suchen", vergleicht Nina Schütz.
Wenn sie nach Hause kommt, schaltet sie fast täglich zuerst ihren Computer an, bevor sie etwas Anderes tut. Über Internet kauft sie ein, liest Nachrichten und pflegt Kontakte. Vier Freundeskreise unterscheidet sie, mit dreien davon kommuniziert sie fast ausschließlich online. Zwei davon sind über Internet-Spiele entstanden, entwickeln sich aber wie an diesem Wochenende über das Netz hinaus.
Kontakte knüpfen über das Internet
Ein Großteil der Online-Kommunikation hat, so der Kommunikationsforscher Klimmt, eine "Real-Life-Rückkopplung&q uot; und stehe mit real existierenden sozialen Beziehungen in Verbindung. "Für die meisten Nutzer ist das Internet eine Bereicherung der Kommunikation", urteilt Klimmt. Im Netz könne man über manche Themen sehr zweckmäßig reden und dabei auf viele soziale Zwänge der Kommunikation im realen Leben verzichten. "Es ist nicht nötig, sich jedes Mal nach den Kindern zu erkundigen", veranschaulicht Klimmt.
Jeder könne zudem selbst steuern, wie viel er von seinem Privatleben preisgeben möchte. Doch natürlich gebe es auch die Sorgenkinder, Internetnutzer, die fast ihre gesamte Kommunikation ins Netz verlagern. Für manche sei das dennoch keine Verarmung der Kommunikation, erläutert Klimmt. Wem im realen Leben soziale Kompetenzen fehlen, um Anschluss zu finden, der kann übers Internet Kontakte aufbauen.
Unter dem Deckmantel der Anonymität
"Zurückgezogene und schüchterne Menschen müssen erstmal nicht viel von sich preisgeben", so der Wissenschaftler. Angst, Einsamkeit und sozialen Erwartungsdruck nennen US-Forscher, die sich bereits länger und intensiver mit diesem Forschungsfeld beschäftigen als die Deutschen, als Gründe, warum Menschen eher über das Internet kommunizieren als im echten Leben.
Unter dem Deckmantel der Anonymität lassen sich vorsichtig Beziehungen aufbauen. Wie authentisch eine reine Internet-Freundschaft sein kann, ist unter den Nutzern umstritten. In einer nicht repräsentativen Umfrage in der Community von spieleforum.de gab die Hälfte der Teilnehmer an, eine virtuelle Freundschaft sei keinesfalls vergleichbar mit einer realen. In der Diskussion gaben sie zu bedenken, dass sich im Netz zu leicht falsche Identitäten aufbauen ließen.
Klimmt sieht unter denen, die ihre sozialen Kontakte auf das Internet konzentrieren, eine Risikogruppe: Menschen, die schon vor der Etablierung der neuen Medien ausgegrenzt waren und sich nun ganz in die virtuelle Welt zurückziehen. Für sie habe das Internet "risiko-verstärkendes Potential", kann also zur weiteren sozialen Isolation führen. "Das ist aber kein strukturelles Problem", relativiert Klimmt, es gehe da um Einzelfälle.
"Einfacher, sich im Internet zu verlieben"
"Ich war früher sehr zurückhaltend", urteilt Nina Schütz über sich. So viele Freundschaften wie sie jetzt über das Netz pflegt, hatte sie nicht. Private Dinge beredet sie immer noch ungern im Netz, dennoch hat sie sich schon einmal über das Internet verliebt. Schon bevor sie ihren späteren Freund zum ersten Mal wirklich gesehen hat, war sie sich über das Gefühl im Klaren. Anderthalb Jahre hielt die Beziehung, scheiterte dann aber an der räumlichen Distanz im echten Leben, die im Internet so gering schien.
"Sich im Internet zu verlieben ist sogar einfacher", meint sie. Man kommuniziere nur, wenn man Lust dazu habe, also gut gelaunt sei. Ohnehin seien wahre Gefühle und Stimmungen eine schwierige Sache im Internet. "Wenn man sich weder sieht, noch den Tonfall hört, stellt das hohe Anforderungen an die Kommunikation", sagt die 31-Jährige. Schnell komme es zu Missverständnissen.
Beim Chatten nicht allein
Durch die dauerhafte Kommunikation über das Internet sieht sie sich geschult, kann sich ausdrücken. Wenn sie online ist und chattet, fühlt sie sich nicht allein, sondern genießt die Gesellschaft im Chat oder bei einem der Online-Spiele. Dennoch freut sie sich sehr auf die Gesellschaft beim Offline-Treffen in Oldenburg: "Ich versuche schon, irgendwie auch nach draußen zu kommen. Monitorstrahlung macht keine schöne Gesichtsfarbe."
Quelle: ZDF heute von Malte Borowiack, 04.03.2007
Neue Formen sozialer Netzwerke beobachten Wissenschaftler im Internet. Wer chattet, in Foren schreibt oder ein Blog betreibt, nutzt die besonderen Vorzüge der virtuellen Kommunikation: Sie ist anonym, interessengelenkt und kann zu realen Freundschaften führen. Eine kleine Minderheit der Nutzer begibt sich nach Ansicht der Forscher allerdings auf diesem Weg in die soziale Isolation.
Das Wochenende wird anders. Der Computer von Nina Schütz bleibt ausgeschaltet, sie wird nicht wie sonst ständig online sein. Sie wird nicht mit drei Freundeskreisen chatten, über das Internet mit ihnen telefonieren oder in virtuelle Schlachten ziehen.
Am Wochenende wird das Internet-Leben der 31-Jährigen zum "Real Life", zum echten Leben. Von "ghulmaster", wie sie sich im Internet nennt, wird sie dann für ihre Allianz der "Fiesen Friesen" zu Nina und bummelt mit anderen Raumschiffbesitzern und galaktischen Kriegsherren durch Oldenburg.
Die "Fiesen Friesen" sind ein Spielerverbund im Internet-Spiel "Icewars", das nach eigenen Angaben derzeit über 5200 Spieler hat. In den Foren des Spiels geht es zwar auch um Kriege, Strategien und Allianz-Fehden, aber großen Raum nimmt das Thema "Treffen" ein. Gemeinsame Kinobesuche, Kneipenabende und eben ganze Wochenenden werden hier geplant.
Virtuelle und reale Welten verschmelzen
Die Verschmelzung vom Leben in der realen und in der virtuellen Welt ist ein Phänomen, das seinen Weg in die Wissenschaft gefunden hat. Kommunikationsforscher, Informatiker sowie Sozial- und Medienpsychologen interessieren sich für das Online-Offline-Gefüge. "Es entstehen neue Formen sozialer Netzwerke", erklärt Christoph Klimmt vom Institut für Kommunikationsforschung Hannover.
Die Kommunikationsbedürfnisse der Menschen hätten sich dabei allerdings nicht gewandelt. Ein gut funktionierendes soziales Umfeld ist laut Klimmt immer noch sehr wichtig. "Es gibt jetzt mehr und kostengünstige Kanäle", schildert er. Foren und Blogs werden genutzt, um interessengelenkt in Kontakt zu treten. "Wenn ich in meine Stammdisco gehe, dann habe ich mit den Leuten dort nur den Musikgeschmack gemeinsam. Im Forum kann ich nach Leuten mit meinen Interessen suchen", vergleicht Nina Schütz.
Wenn sie nach Hause kommt, schaltet sie fast täglich zuerst ihren Computer an, bevor sie etwas Anderes tut. Über Internet kauft sie ein, liest Nachrichten und pflegt Kontakte. Vier Freundeskreise unterscheidet sie, mit dreien davon kommuniziert sie fast ausschließlich online. Zwei davon sind über Internet-Spiele entstanden, entwickeln sich aber wie an diesem Wochenende über das Netz hinaus.
Kontakte knüpfen über das Internet
Ein Großteil der Online-Kommunikation hat, so der Kommunikationsforscher Klimmt, eine "Real-Life-Rückkopplung&q uot; und stehe mit real existierenden sozialen Beziehungen in Verbindung. "Für die meisten Nutzer ist das Internet eine Bereicherung der Kommunikation", urteilt Klimmt. Im Netz könne man über manche Themen sehr zweckmäßig reden und dabei auf viele soziale Zwänge der Kommunikation im realen Leben verzichten. "Es ist nicht nötig, sich jedes Mal nach den Kindern zu erkundigen", veranschaulicht Klimmt.
Jeder könne zudem selbst steuern, wie viel er von seinem Privatleben preisgeben möchte. Doch natürlich gebe es auch die Sorgenkinder, Internetnutzer, die fast ihre gesamte Kommunikation ins Netz verlagern. Für manche sei das dennoch keine Verarmung der Kommunikation, erläutert Klimmt. Wem im realen Leben soziale Kompetenzen fehlen, um Anschluss zu finden, der kann übers Internet Kontakte aufbauen.
Unter dem Deckmantel der Anonymität
"Zurückgezogene und schüchterne Menschen müssen erstmal nicht viel von sich preisgeben", so der Wissenschaftler. Angst, Einsamkeit und sozialen Erwartungsdruck nennen US-Forscher, die sich bereits länger und intensiver mit diesem Forschungsfeld beschäftigen als die Deutschen, als Gründe, warum Menschen eher über das Internet kommunizieren als im echten Leben.
Unter dem Deckmantel der Anonymität lassen sich vorsichtig Beziehungen aufbauen. Wie authentisch eine reine Internet-Freundschaft sein kann, ist unter den Nutzern umstritten. In einer nicht repräsentativen Umfrage in der Community von spieleforum.de gab die Hälfte der Teilnehmer an, eine virtuelle Freundschaft sei keinesfalls vergleichbar mit einer realen. In der Diskussion gaben sie zu bedenken, dass sich im Netz zu leicht falsche Identitäten aufbauen ließen.
Klimmt sieht unter denen, die ihre sozialen Kontakte auf das Internet konzentrieren, eine Risikogruppe: Menschen, die schon vor der Etablierung der neuen Medien ausgegrenzt waren und sich nun ganz in die virtuelle Welt zurückziehen. Für sie habe das Internet "risiko-verstärkendes Potential", kann also zur weiteren sozialen Isolation führen. "Das ist aber kein strukturelles Problem", relativiert Klimmt, es gehe da um Einzelfälle.
"Einfacher, sich im Internet zu verlieben"
"Ich war früher sehr zurückhaltend", urteilt Nina Schütz über sich. So viele Freundschaften wie sie jetzt über das Netz pflegt, hatte sie nicht. Private Dinge beredet sie immer noch ungern im Netz, dennoch hat sie sich schon einmal über das Internet verliebt. Schon bevor sie ihren späteren Freund zum ersten Mal wirklich gesehen hat, war sie sich über das Gefühl im Klaren. Anderthalb Jahre hielt die Beziehung, scheiterte dann aber an der räumlichen Distanz im echten Leben, die im Internet so gering schien.
"Sich im Internet zu verlieben ist sogar einfacher", meint sie. Man kommuniziere nur, wenn man Lust dazu habe, also gut gelaunt sei. Ohnehin seien wahre Gefühle und Stimmungen eine schwierige Sache im Internet. "Wenn man sich weder sieht, noch den Tonfall hört, stellt das hohe Anforderungen an die Kommunikation", sagt die 31-Jährige. Schnell komme es zu Missverständnissen.
Beim Chatten nicht allein
Durch die dauerhafte Kommunikation über das Internet sieht sie sich geschult, kann sich ausdrücken. Wenn sie online ist und chattet, fühlt sie sich nicht allein, sondern genießt die Gesellschaft im Chat oder bei einem der Online-Spiele. Dennoch freut sie sich sehr auf die Gesellschaft beim Offline-Treffen in Oldenburg: "Ich versuche schon, irgendwie auch nach draußen zu kommen. Monitorstrahlung macht keine schöne Gesichtsfarbe."
Quelle: ZDF heute von Malte Borowiack, 04.03.2007