Wahre Liebe
Mein Name ist Lilith Wüstenfeld. Das heißt nicht ganz, das "Wüstenfeld" hab ich durchgekriegt, aber bei "Lilith" sträuben die sich auf dem Amt wie verrückt, typisch. Wenns nicht so traurig wär, könnte man ja drüber lachen, aber es ist so traurig. Die erfinden immer andere Ausreden, warum das nicht geht. Dabei hab ich immer gedacht, es ist viel schwerer, den Nachnamen zu ändern als den Vornamen. Von wegen. Eigentlich bin ich mit "Wüstenfeld" auch nicht ganz zufrieden, ich hab mit mir gekämpft, ob ich mich nicht "Wüstentochter" nennen sollte oder "Wüstenfrau", aber das erschien mir dann doch ästhetisch nicht vertretbar. So pathetisch klingen nur Buchtitel von Leuten, die selbst nie in der Wüste waren, es sei denn vielleicht am Roten Meer zum Baden oder im Negev zum Radfahren - bei Tag - oder in der Sahara zum Campen oder sonstwas Selbstmörderisches, und ihre Nevercomeback-Tour verkaufen sie dann als die große Selbstfindung, und wenn man sie für verrückt erklärt, erzählen sie einem was von kleinlichen Bedenken, die einen hindern, das wahre Leben zu entdecken, aber die können mir doch nicht erzählen, daß das wahre Leben in Dahab ist, und so richtig spannend wird die Wüste auch erst wenn der Hitzschlag droht ... Egal, ich komm vom Thema ab. Also "Wüstenfeld" erschien mir noch am vertretbarsten, ich drück mein wahres Wesen aus und mach mich trotzdem nicht lächerlich, das ist eigentlich schon eine Leistung. Aber genau an dem Punkt komm ich beim Amt nicht weiter. Die sagen dann, Reicht Ihnen das "Wüstenfeld" denn nicht, wozu brauchen Sie denn noch die Lilith? Und die Antwort darf ich eben nicht selbst geben, die gibt ein Gutachter, und egal wer das ist, ich beiß immer auf Granit. Dabei ist mir der Vorname viel wichtiger als der Nachname, ich kann unmöglich weiter Eva-Maria heißen. Ich hab denen auf dem Amt dann auch den Vorschlag gemacht, ich heiß lieber wieder Haferkamp und dann aber Lilith statt Eva-Maria, aber die haben Nein gesagt, weil, ich hab doch schon die Urkundenänderung beantragt. Und den Antrag kann man nicht umändern, wo kämen wir denn hin, wenn jeder alle fünf Minuten seinen Namen ändern würde.
Wörtlich.
Ich hab gedacht, ich hör nicht richtig. Dann hab ich gedacht, ich sitz im falschen Film. Und irgendwer ist hinter mir her, mein Vater hat den Leiter des Einwohnermeldeamts bestochen, und der verweigert mir das Recht auszusprechen, wessen Tochter ich bin, und hat dabei die Rückendeckung der Katholischen Kirche und der Bundesregierung, und dann hab ich gedacht, ich werd verrückt.
Der letzte Stand hat sich bisher nur leicht modifiziert. Entweder ich bin verrückt oder die anderen.
Seit der Namensänderung ist alles noch schlimmer geworden. Ich hab dunkel im Gefühl, das liegt an der Kombination von Eva-Maria und dem Wüstenfeld. Das paßt überhaupt nicht zusammen, das ist wie Pfannkuchen mit Senf oder Blutsuppe, und die deutschen kulinarischen Gewohnheiten kennt man ja, aber wenn die auf dem Amt das aushalten: Ich nicht. Und das ist verdammt noch mal mein Körper, in den die ihren Dreck entsorgen, also wörtlich nicht (mehr), Göttin sei Dank, aber mit der Sprache eben doch noch. Das war früher schon schlimm, wenn die meinen Namen gehört haben, dann haben die sich irgendwann alle bei mir eingenistet und haben mir mit feuchten Augen ihren Scheiß erzählt, und wenn sie fertig waren, war ich es auch, und sie sind abgehauen. Eine hat mal zu mir gesagt, Wenn ich mit dir geredet hab, fühle ich mich jedes Mal wie neugeboren. Zu dem Zeitpunkt hab ich mich noch geschmeichelt gefühlt, aber irgendwann hab ich gedacht, für das Blut und den Eiter bin ich noch sauber genug, aber was ist eigentlich mit mir, und dann hab ich der mal ein paar Takte von mir erzählt, ich war gerade aus der Krankenversicherung geflogen, weil die bei der Versicherung unbedingt ihren Pfusch vertuschen wollten, und der war entstanden, als ich im Krankenhaus lag. Da hat sie mich gefragt, wie ich denn darauf käme, vielleicht war das ja alles mein Fehler. Ich hab nicht schlecht gestaunt. Du hast das doch alles mitgekriegt, hab ich gesagt. Ja, aber man muß das differenziert sehen und kann nicht gleich mit Verschwörungstheorien kommen. Und das schlimmste ist, ich hab gedacht, das ist meine beste Freundin.
Copyright 2004 Susanna Kriz
Personen und Handlung sind frei erfunden, eventuelle Übereinstimmungen mit Lebenden oder Toten sind zufällig.
Susanna Kriz
Wörtlich.
Ich hab gedacht, ich hör nicht richtig. Dann hab ich gedacht, ich sitz im falschen Film. Und irgendwer ist hinter mir her, mein Vater hat den Leiter des Einwohnermeldeamts bestochen, und der verweigert mir das Recht auszusprechen, wessen Tochter ich bin, und hat dabei die Rückendeckung der Katholischen Kirche und der Bundesregierung, und dann hab ich gedacht, ich werd verrückt.
Der letzte Stand hat sich bisher nur leicht modifiziert. Entweder ich bin verrückt oder die anderen.
Seit der Namensänderung ist alles noch schlimmer geworden. Ich hab dunkel im Gefühl, das liegt an der Kombination von Eva-Maria und dem Wüstenfeld. Das paßt überhaupt nicht zusammen, das ist wie Pfannkuchen mit Senf oder Blutsuppe, und die deutschen kulinarischen Gewohnheiten kennt man ja, aber wenn die auf dem Amt das aushalten: Ich nicht. Und das ist verdammt noch mal mein Körper, in den die ihren Dreck entsorgen, also wörtlich nicht (mehr), Göttin sei Dank, aber mit der Sprache eben doch noch. Das war früher schon schlimm, wenn die meinen Namen gehört haben, dann haben die sich irgendwann alle bei mir eingenistet und haben mir mit feuchten Augen ihren Scheiß erzählt, und wenn sie fertig waren, war ich es auch, und sie sind abgehauen. Eine hat mal zu mir gesagt, Wenn ich mit dir geredet hab, fühle ich mich jedes Mal wie neugeboren. Zu dem Zeitpunkt hab ich mich noch geschmeichelt gefühlt, aber irgendwann hab ich gedacht, für das Blut und den Eiter bin ich noch sauber genug, aber was ist eigentlich mit mir, und dann hab ich der mal ein paar Takte von mir erzählt, ich war gerade aus der Krankenversicherung geflogen, weil die bei der Versicherung unbedingt ihren Pfusch vertuschen wollten, und der war entstanden, als ich im Krankenhaus lag. Da hat sie mich gefragt, wie ich denn darauf käme, vielleicht war das ja alles mein Fehler. Ich hab nicht schlecht gestaunt. Du hast das doch alles mitgekriegt, hab ich gesagt. Ja, aber man muß das differenziert sehen und kann nicht gleich mit Verschwörungstheorien kommen. Und das schlimmste ist, ich hab gedacht, das ist meine beste Freundin.
Copyright 2004 Susanna Kriz
Personen und Handlung sind frei erfunden, eventuelle Übereinstimmungen mit Lebenden oder Toten sind zufällig.
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