|
|
Forum » Literatur, Kunst & Philosophie » ThreadWas sehen Sie, Schwester?
07.11.2008 18:55
HiddenNickname
0 Was sehen sie Schwester, wirklich, was sehen sie? Wenn sie mich ansehen, denken sie dann. Eine runzlige alte Frau, nicht besonders klug, unsicher in ihrem Verhalten, die Augen in die Ferne gerichtet, die ihr Essen verkleckert und keine Antwort gibt, wenn Sie mit lauter Stimme sagen: „Nun versuchen Sie es doch wenigstens!" die nicht wahrzunehmen scheint, was Sie mit ihr tun, und die andauernd einen Strumpf verliert oder einen Schuh, die alles mit sich tun lässt, ohne eigenen Willen, baden oder füttern, den ganzen Tag lang. Ist es das was Sie denken? Ist es das was Sie sehen? Schwester, öffnen sie die Augen! Sie schauen mich ja gar nicht an. Ich will ihnen sagen wer ich bin, die ich hier so still sitze, die ich Ihren Befehlen folge, die ich esse, wann Sie es wollen. Ich bin ein Kind von zehn Jahren, mit Vater und Mutter, mit Brüdern und Schwester - sie alle lieben mich. Ich bin ein junges Mädchen von sechzehn, mit Flügeln an den Füßen, träumend, dass es nun bald einem Geliebten findet. Ich bin zwanzig und Braut, meint Herz macht Sprünge, und ich denke an das Versprechen, das ich gegeben habe. Ich bin fünfundzwanzig habe nun selbst Kinder, die mich für ein glückliches Zuhause brauchen. Ich junge Mutter von dreißig, meine Kinder wachsen schnell, sie sind miteinander verbunden durch Bände die immer halten. Ich bin vierzig, meine Kinder hast erwachsen, sie gehen fort von daheim. Aber mein Mann steht mir zur Seite, und er achtet darauf, dass ich nicht weine. Ich bin fünfzig und wieder spielen Babys auf meinen Knien und wieder leben wie mit Kindern, mein lieber Mann und ich. Es kommen dunkle Tage, mein Mann ist tot, Ich blicke in die Zukunft und mich schüttelt die Angst. Denn meine Kinder haben viel zu tun, sie ziehen selber Kinder groß, und ich denke an die vergangenden Jahre und die Liebe, die mich umfing. Nun bin ich eine alte Frau und die Natur ist grausam, sie macht das wir aussehen wie Narren. Der Körper ist verfallen, Schönheit und Kraft sind dahin. Und wo einst mein Herz schlug, ist nur noch ein Stein. Aber in diesem Leib wohnt immer noch das junge Mädchen. Und bisweilen freut sich mein geplagtes Herz. Dann erinnerte ich mich der Freunde, ich erinnerte mich der Not. Und ich lebe und lebe, mein Leben noch einmal. Ich gedenke der Jahre, zu wenige und rasch verflogen. Aber ich weiß auch, das nichts ewig dauern kann. Darum Schwester, öffnen sie Ihre Augen und schauen Sie, sehen Sie nicht die schrumplige alte Frau schauen Sie genauer - sehen Sie mich. Dieses Gedicht wurde unter der persönlichen Habselgikeiten einer alten Frau gefunden, die in einem englischen Altersheim gestorben war. In ihren letzten Lebensjahren hatte sie nicht mehr sprechen können, aber gelegentlich hatte man sie schreiben gesehen.
0
![]()
17.12.2008 18:55
HiddenNickname
0
20.11.2008 10:14
18.11.2008 21:09
18.11.2008 16:29
18.11.2008 00:46
12.11.2008 09:28
08.11.2008 15:23
08.11.2008 10:04
08.11.2008 10:01
07.11.2008 23:29
07.11.2008 23:14
HiddenNickname
0
07.11.2008 19:03
0
![]() |
|