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Forum » Literatur, Kunst & Philosophie » ThreadWeihnachtskuss
24.01.2009 16:10
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0 Irina stand staunend vor dem festlich geschmückten Weihnachtsbaum. Einen Weihnachtsbaum gab es auch bei ihnen zu Hause, jedoch war er bei Weitem nicht so reichlich geschmückt gewesen. Am meisten faszinierten sie jedoch die in glänzendes Papier gewickelten Geschenke, die sich in wahren Bergen unter dem Tannenbaum türmten. Sie war sich in ihrer Heimat bereits reich beschenkt vorgekommen, wenn sie nur zwei oder drei Pakete bekommen hatte. Hier bestand jeder Geschenkestapel aus mindestens sieben Päckchen, und anscheinend gab es pro Person einen Stapel, denn es waren sechs dieser Stapel unter dem Weihnachtsbaum. Und das bedeutete wohl auch, dass einer dieser Stapel für sie gedacht war… So nette Leute. Was hatte sie doch für ein unbeschreibliches Glück mit dieser netten, freundlichen Familie! – Es ging ihr nicht um die Geschenke. Die Tatsache, dass auch ihr Stapel acht Päckchen unterschiedlicher Größe umfasste, war ihr sogar peinlich. Womit hatte sie das verdient? Sie war doch nur ein Gast! Dass an sie gedacht worden war, berührte sie jedoch tief. Die Zwillinge stürzten sich auf ihre Geschenke und zerrissen das glänzende, schöne Papier, ohne sich dessen Wert allein schon bewusst zu sein. Waren Kinder immer so? – Irina versuchte sich zu erinnern, ob sie sich auch mit dieser Gier auf all die Dinge gestürzt hatte, die ihr Väterchen Frost und Babuschka gebracht hatten. Die Erinnerung ließ sie im Stich; es war zu lange her. Nur eines wusste sie mit Gewissheit: so viel war es niemals gewesen. Zwei Puppen, Kleidung für die Puppen, ein Baukastenset, Lego-Steine, Zeichenblöcke und Wachsmalkreiden, zwei identische Pullover, zwei identische Jacken, zwei identische Hosen und Socken mit Blümchen und Sternen – die Zwillinge saßen schon Minuten später in all dieser wunderbaren Dinge und einem ganzen Haufen zerfleddertem Papier und wussten offensichtlich gar nicht, was sie sich zuerst genauer ansehen sollten. Im Hintergrund lief „Stille Nacht, heilige Nacht“, während nun auch Sophie und Ben langsam begannen, ihre Geschenke auszupacken. Irina nahm an, dass sie sich gegenseitig beschenkt hatten. Ihr Verdacht bestätigte sich, als sie sah, wie Sophie eine Schmuckschatulle öffnete, eine Perlenkette heraus nahm und ihrem Mann in die Arme fiel und ihn küsste. Die Liebe der beiden zueinander berührte sie. So eine Liebe zu erleben. Wieder kämpfte sie gegen den leisen Schmerz, der sich in ihrem Herzen breit zu machen versuchte. Einst hatte sie gedacht, solch eine Liebe gefunden zu haben, eine Liebe, die für das ganze Leben halten würde. Es war ein Irrtum gewesen. Irina hoffte für Ben und Sophie, dass ihre Liebe kein Irrtum war. Auch sie begann, ihre Geschenke auszupacken, sehr vorsichtig und sorgfältig, um das schöne Goldpapier nicht zu beschädigen. Sicherlich war es nochmals zu verwenden. Sie freute sich über den neuen Pulli, die Bluse und die dicken Socken, die sie von Ben und Sophie bekommen hatte, und war beschämt zugleich, weil es so große, teure Geschenke waren. Sie freute sich besonders über die in Schokolade getauchten, getrockneten Orangenstücke, weil sie ihr zeigten, wie viel Aufmerksamkeit Sophie ihren Worten schenkte. Sie hatte nur einmal beiläufig erwähnt, wie begeistert sie von Dörrobst in Scholade war, und schon hatte sie eine ganze Packung davon unter dem Weihnachtsbaum! In den zwei anderen Paketen befanden sich Bücher, eines von Thomas Mann und eines von Max Frisch, Koriphaen der deutschsprachigen Literatur. Sie kannte beide Werke noch nicht und freute sich, weil sie gerne las, und weil sie ihr Deutsch dadurch weiter zu verbessern hoffte. Die Zwillinge hatten ihr außerdem ein Bild gemalt. Zwei kleine lila Strichmännchen und ein schwarzes Strichmännchen gingen durch einen Park. Der Park bestand aus zwei grünen Kreisen, die offensichtlich Bäume darstellten. Irina erkannte sich in dem schwarzen Strichmännchen wieder. Sie wollte sich gerade bei Sophie und Ben für die reichhaltigen Geschenke bedanken, als plötzlich unvermittelt Katja vor ihr stand. Sie streckte ihr ein in Zellophan-Papier gewickeltes rechteckiges Stück entgegen, das mit einer großen, roten Schleife umwickelt war. Katja lächelte sie freundlich an. „Frohe Weihnachten, Irina.“ „F…für mich?“ Irina war so überrascht über dieses unerwartete Geschenk, dass sich nun als Stück Naturseife mit Rosenduft entpuppte, dass sie fast ins Stottern geriet. Katja machte ihr ein Geschenk – jene Katja, die sie doch gerade erst kennen gelernt hatte! Beim Versuch, sich bei Katja mit einer spontanen Umarmung zu bedanken, stolperte sie fast über die neuen Bauklötze, die die Zwillinge nun quer über den Boden verstreut hatten. Ihr Sturz wurde verhindert, weil Katja in letzter Sekunde ihren Arm ergriff und sie nach oben zog. Durch den Schwung der rettenden Bewegung landete Irina dicht an Katja, so dicht, dass sie trotz dazwischen liegendem Stoff von Shirt und Kleid Katjas harte Brustwarzen spürte. Erschrocken wich sie zurück. Das darf nicht passieren. Katja lächelte sie immer noch freundlich an. „Ich habe gar nichts für dich….“ Irina wirkte fast etwas verzweifelt, während sie nun das Stück Seife von allen Seiten betrachtete, ohne die Zellophan-Folie zu lösen. „Das macht doch nichts.“ Katja bemühte sich, alle erdenkliche Zuversicht in ihre Stimme zu legen. Angesichts von der offensichtlichen Scham, die Irina empfand, weil sie kein Geschenk für Katja hatte, bereute sie schon beinahe, dass sie kurzentschlossen die Seife, die eigentlich als Beigabe zu Sophies wirklichem Geschenk, einem Bildband von Irland, Sophies Traumreiseziel, für Irina abgezweigt hatte. Die Idee war ihr gekommen, nachdem sie Stunden mit Irina auf der Couch geplaudert hatte und sie wirklich, wirklich nett fand. Eine interessante, junge Frau, die Humor hatte und sich ausdrücken konnte – und das sogar in insgesamt vier Sprachen, wie Katja inzwischen wusste. „Ich wollte dir eine Freude machen“, fügte sie hinzu. „Ich erwarte dafür kein Gegengeschenk.“ „Vielen Dank.“ Verlegenheit schien eine häufige Begleiterin in Irinas Leben zu sein. Katja fiel auf, dass sie nervös von einem Fuß auf den anderen trat. „Gern geschehen“, sagte Katja und merkte, dass sie – wieder einmal – an einem Punkt waren, wo keine von beiden so recht wusste, was sie sagen sollte. Abgelenkt durch einen freudigen Ausruf ihrer Schwester, wandte sie ihren Blick automatisch in deren Richtung. Sophie freute sich gerade über zwei Perlenohrringe, passend zu jener Kette, die sie zuvor in den Händen gehalten hatte. Wieder fiel sie Ben in die Arme und küsste ihn leidenschaftlich. Katja musste unwillkürlich lächeln. So viel Schmuck. So viele Küsse. Auf den Schmuck, gleich zu welchem Anlaß, konnte sie problemlos verzichten. Aber auf die Küsse? Plötzliche Sehnsucht stieg in ihr auf. Weiche Lippen spüren. Ihr Blick fiel auf Irina, die etwas verloren vor ihr stand und mit undurchdringlichem Gesicht ebenfalls die Küssenden betrachtete. Wenn schon, dachte sich Katja, während sie Sophie und Ben betrachtete. Was war schon dabei? – Es war Weihnachten, ging es da nicht um Liebe unter den Menschen? Nächstenliebe. Aber letztendlich war das ja ein äußerst dehnbarer Begriff. Katja war sich in dieser Minute selbst am nächsten. Spontan legte sie ihren Arm um Irinas Nacken, zog sie an sich und küsste sie sanft auf die Lippen. Irinas Lippen fühlten sich so warm und weich an, wie Katja erwartet hatte. Sie leistete keinen Widerstand. Im Gegenteil: Katja hatte den Eindruck, dass sie sich nahezu an sich drängte – schüchtern und verhalten zwar, jedoch eindeutig ihre Nähe suchend. Sie war überrascht, als sie fühlte, wie sich Irinas Mund leicht öffnete. Ihre Zungen berührten sich kurz. Ein Hitzestrom schoss durch Katjas Körper, breitete sich in ihren Adern aus und brachte ihr Blut in Wallung. Genug. Genug! Ihr Verstand gewann die Oberhand. Obgleich ihre Lippen etwas anderes wollten, löste sie die Umarmung und wich langsam zurück. Ihre Blicke trafen sich. Irina wirkte verwirrt. Sie senkte rasch den Blick, und Katja dachte unwillkürlich: Oh je. Ich bin zu weit gegangen. Doch als Irina nun den Kopf wieder hob, bemerkte sie den eigentümlichen Glanz in ihren Augen, und nun lag die Verwirrung bei ihr. Offensichtlich war Irina der Kuss nicht unangenehm gewesen. Aber war er ihr peinlich? Sie hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, denn Sophie hatte offensichtlich all ihre Geschenke ausgepackt und trieb nun alle an den festlich gedeckten Tisch. Als sie an Katja vorüber ging, wurde diese von einem irritierten Blick gestreift. Katja erwiderte ihn mit einem amüsierten Lächeln. Sophie war ihr Kuss also nicht entgangen. Wenn schon. Nächstenliebe, Weihnachten, ein weihnachtsstressbedingter oder nach-afrika-traumatischer sekundenlanger Blackout. Es gab viele Möglichkeiten, den Kuss zu erklären.
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