Wir brauchen Leser. Wirklich?
Vorsicht! Langer Text.
Auszug aus einem fantastischen Essay von Hartmut von Hentig:
"Man versteht nun vielleicht, was ich ungefähr vorhatte, als ich meinem Versuch den Titel gab "Wir brauchen Leser" - das ist die gedankenlos-gängige Behauptung - und "wirklich?" - das sei ein seiner selbst noch unsicherer Zweifel, ein seiner selbst ganz sicheres Bedürfnis nach Klärung. Dieser Klärung wäre jedes Wort einzeln und natürlich das Ganze zu unterziehen:
Wer sind "wir"?
- Du und ich, jedermann?
- Unsere Gesellschaft, nämlich die wissenschaftliche, technische, industrialisierte, hochkomplexe, hochmediatisierte, sich dynamisch wandelnde?
- Unsere Gesellschaft, nämlich die am Fortschritt verzagende und an seinen Folgen leidende, die aufklärungsmüde, postmoderne, sich wendende, verinnerlichende, individualisierende, desengagierende?
- Die Demokratie, wie ist ist?
- Die Demokratie, wie sie sein sollte?
- Wir Europäer oder wir Deutschen im Gegensatz zu anderen Kulturen, die sich andere Mitten und andere Mittel des Geistes gemacht haben?
Was heißt "brauchen"?
- Nur mit Lesern funktioniere unsere Welt?
- Nur Leser seien deren Schädlichkeit, deren Gefahren gewachsen?
- Nur Leser könnten sie ändern, zu dem machen, was sie sein solle?
Und was heißt "Leser"?
- Ein Verbraucher von Printmedien?
- Einer, der seine Informationen und seine Weltkenntnis aus Büchern holt - und dies regelmäßig (in den Untersuchungen heißt er: der "habituelle Leser"
?
- Einer, der ohne das Buch nicht leben kann, dessen Vorstellungen und Gespräche und Überzeugungen sich daraus speisen, der darum aber nicht notwendig dauernd liest oder viele Bücher besitzt und nennen kann?
- Einer, der durch seine Angaben den statistischen Anteil an Freizeit, der in unserer Gesellschaft mit Lektüre verbracht wird, erhöht, in der Zeit also nicht fernsieht oder sich anderen "Aktivitäten" widmet?
Ich sagte: das Wort "wirklich" drücke ein Bedürfnis nach Klärung aus, aber - der Leser kann unbesorgt sein - das heißt nicht nach Beantwortung all dieser eher vorbeugend gefragten Fragen. Diese sollten helfen, den Wortlaut meines Themas einen anderen, ernsteren Sinn zu unterlegen: Brauchen wir nicht, genauer: vermissen wir nicht zunehmend eine bestimmte Art von Menschen, die dann meist auch die Eigenschaft haben, Leser zu sein, Menschen
- die sich auf etwas ihnen Wichtiges konzentrieren,
- die auf Mitteilung und Verständigung und, wenn das nicht gelingt, auf klärenden Streit aus sind - unter dem Rückgriff auf Zeugen und Zeugnisse, zu denen alle Zugang haben,
- die nicht voreilig urteilen, nicht unbedacht zur Tat schreiben, nicht ohne guten Grund das Lager und ihre Überzeugung wechseln,
- die allein sein können, ohne einsam zu sein, und die darum selbständig sind,
- die am Gelesenen Widerstand üben, einen um Verstehen bemühten und darum hartnäckigen Anspruch entwickeln,
- die an Gedankenspiele gewohnt sind - was sonst wäre Dichtung! - und die darum frei und ausgreifnd und auf Probe denken können, wenn es darauf ankommt,
- die allem mißtrauen, was keinen Anfang und kein Ende hat, keinen "roten Faden" und kein Pointe, keinen "auctor" und keinen Adressaten, keine Gestalt und keine Geschichte,
- die sich nie langweilen,
- die auszuwählen gelernt haben und daran wiederum, sich selbst zu kontrollieren: Lohnt es sich, dies weiterzulesen? Wenn ja - warum? Wenn nein - warum nicht?"
Auszug aus einem fantastischen Essay von Hartmut von Hentig:
"Man versteht nun vielleicht, was ich ungefähr vorhatte, als ich meinem Versuch den Titel gab "Wir brauchen Leser" - das ist die gedankenlos-gängige Behauptung - und "wirklich?" - das sei ein seiner selbst noch unsicherer Zweifel, ein seiner selbst ganz sicheres Bedürfnis nach Klärung. Dieser Klärung wäre jedes Wort einzeln und natürlich das Ganze zu unterziehen:
Wer sind "wir"?
- Du und ich, jedermann?
- Unsere Gesellschaft, nämlich die wissenschaftliche, technische, industrialisierte, hochkomplexe, hochmediatisierte, sich dynamisch wandelnde?
- Unsere Gesellschaft, nämlich die am Fortschritt verzagende und an seinen Folgen leidende, die aufklärungsmüde, postmoderne, sich wendende, verinnerlichende, individualisierende, desengagierende?
- Die Demokratie, wie ist ist?
- Die Demokratie, wie sie sein sollte?
- Wir Europäer oder wir Deutschen im Gegensatz zu anderen Kulturen, die sich andere Mitten und andere Mittel des Geistes gemacht haben?
Was heißt "brauchen"?
- Nur mit Lesern funktioniere unsere Welt?
- Nur Leser seien deren Schädlichkeit, deren Gefahren gewachsen?
- Nur Leser könnten sie ändern, zu dem machen, was sie sein solle?
Und was heißt "Leser"?
- Ein Verbraucher von Printmedien?
- Einer, der seine Informationen und seine Weltkenntnis aus Büchern holt - und dies regelmäßig (in den Untersuchungen heißt er: der "habituelle Leser"
?- Einer, der ohne das Buch nicht leben kann, dessen Vorstellungen und Gespräche und Überzeugungen sich daraus speisen, der darum aber nicht notwendig dauernd liest oder viele Bücher besitzt und nennen kann?
- Einer, der durch seine Angaben den statistischen Anteil an Freizeit, der in unserer Gesellschaft mit Lektüre verbracht wird, erhöht, in der Zeit also nicht fernsieht oder sich anderen "Aktivitäten" widmet?
Ich sagte: das Wort "wirklich" drücke ein Bedürfnis nach Klärung aus, aber - der Leser kann unbesorgt sein - das heißt nicht nach Beantwortung all dieser eher vorbeugend gefragten Fragen. Diese sollten helfen, den Wortlaut meines Themas einen anderen, ernsteren Sinn zu unterlegen: Brauchen wir nicht, genauer: vermissen wir nicht zunehmend eine bestimmte Art von Menschen, die dann meist auch die Eigenschaft haben, Leser zu sein, Menschen
- die sich auf etwas ihnen Wichtiges konzentrieren,
- die auf Mitteilung und Verständigung und, wenn das nicht gelingt, auf klärenden Streit aus sind - unter dem Rückgriff auf Zeugen und Zeugnisse, zu denen alle Zugang haben,
- die nicht voreilig urteilen, nicht unbedacht zur Tat schreiben, nicht ohne guten Grund das Lager und ihre Überzeugung wechseln,
- die allein sein können, ohne einsam zu sein, und die darum selbständig sind,
- die am Gelesenen Widerstand üben, einen um Verstehen bemühten und darum hartnäckigen Anspruch entwickeln,
- die an Gedankenspiele gewohnt sind - was sonst wäre Dichtung! - und die darum frei und ausgreifnd und auf Probe denken können, wenn es darauf ankommt,
- die allem mißtrauen, was keinen Anfang und kein Ende hat, keinen "roten Faden" und kein Pointe, keinen "auctor" und keinen Adressaten, keine Gestalt und keine Geschichte,
- die sich nie langweilen,
- die auszuwählen gelernt haben und daran wiederum, sich selbst zu kontrollieren: Lohnt es sich, dies weiterzulesen? Wenn ja - warum? Wenn nein - warum nicht?"