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20.08.2005 22:34
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Zitat
Quelle: Abendblatt Online,
http://www.abendblatt.de/ [...] html?s=1
Lobeshymne auf deutschen Standort
Ausland: Positive Stimmen. Die Lage ist besser als die Stimmung, meint die britische Wirtschaftszeitschrift "The Economist".
Von Mathias Eberenz
Hamburg -
Wie steht es um Deutschlands Wirtschaft? Folgt man der Interpretation vieler einheimischer Wirtschaftsforscher, ist die Lage schlecht. "Nullwachstum", "Stagnation" lautet die stereotype Antwort. Jetzt hat sich das renommierte britische Wirtschaftsmagazin "The Economist" der Frage angenommen - und kommt in seiner aktuellen Ausgabe zu einer überraschend positiven Einschätzung. Das beginnt schon beim Titelblatt, auf dem die 1843 gegründeten wirtschaftsliberale Wochenzeitschrift einen großen Bundesadler zeigt, der seine Muskeln spielen läßt.
Deutschland, so die Kernaussage, müsse endlich akzeptieren, daß es seiner Wirtschaft wesentlich besser gehe, als es die Pessimisten wahrhaben wollten. Und dafür gebe es reichlich Argumente: Die Gewinne der großen Konzerne seien zuletzt kräftig gestiegen, es gebe wieder mehr Jobs. Die großen Banken hätten ihre "Kosten und Bilanzen unter Kontrolle" gebracht, bei den Lohnstückkosten habe sich Deutschland dank moderater Tarifverträge zuletzt deutlich besser entwickelt als Italien, Frankreich und Spanien (siehe Grafik). Und nicht zuletzt habe man die Position des Exportweltmeisters zurückerobert. Kurzum: Die deutsche Wirtschaft gewinnt nach Einschätzung der britischen Beobachter wieder an Fahrt.
Deutschland, so resümiert "The Economist" in seinem Leitartikel, habe zwar über viele Jahre enttäuscht, sei zuletzt der teuerste Geschäftsstandort in Europa gewesen. Doch jetzt spreize der Bundesadler seine Flügel - und das Land sehe "plötzlich wieder relativ gesund aus".
Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) reagierte prompt auf den Bericht: Die positive Einschätzung sei ein Beleg dafür, daß Deutschland in der Arbeitsmarktpolitik "auf dem richtigen Weg" sei. Es gebe einen "engen Zusammenhang zwischen der Wettbewerbsfähigkeit einerseits und der Reformpolitik andererseits", so der Kanzler.
Ein weitere positive Nachricht kommt aus dem Bundesfinanzministerium. Dort rechnet man zwar weiterhin mit einem schwachen Privatkonsum. Doch verdichteten sich die "Anzeichen einer sich allmählich belebenden Binnennachfrage". Man erwarte steigende Steuereinnahmen und mehr inländische Firmenaufträge. Das zweite Halbjahr verspreche "eine dynamischere Gangart der Konjunktur". Zuvor hatte bereits der Bundesverband deutscher Banken erklärt, Auftragseingang und Stimmungsindikatoren deuteten auf einen Besserung der wirtschaftlichen Lage hin.
Daß die Deutschen ihre Lage negativer als nötig einschätzen, belegt auch eine Umfrage (Anholt-GMI-Index) unter 18 000 Verbrauchern in 25 Ländern. Danach wird Deutschland im Ausland durchweg als modernes Land wahrgenommen, rangiert an siebter Stelle und schneidet besser ab als etwa die Niederlande, Frankreich, Neuseeland oder die USA. Vor allem Qualitätsprodukte wie Autos "made in Germany" hätten zur Spitzenplazierung geführt. Doch nur 60 Prozent der Deutschen teilten diese Sicht. Der "Economist" bemängelt diese Haltung: "Wenn sich die Deutschen nur reicher fühlten, so wie die Amerikaner, würden sie mehr Geld leihen und ausgeben." Das würde die Binnenkonjunktur ankurbeln.
Allerdings warnt Jörg Hinze, Konjunkturexperte beim Hamburger Wirtschaftsforschungsinstitut HWWA vor Lohnerhöhungen: "Wir brauchen eine Lohnzurückhaltung, zumindest in den Bereichen, in denen wir im weltweiten Wettbewerb stehen." Die Auffassung des "Economist", die Arbeitsplatzsituation verbessere sich, teilt Hinze nicht. "Mini-Jobs und Ein-Euro-Jobs nehmen zu, aber die Zahl der sozialversicherten Arbeitsplätze sinkt", sagt er zum Abendblatt.
Auch Carsten-Patrick Meier, zuständig für Konjunkturfragen beim Institut der Weltwirtschaft in Kiel, ist kritisch: "Der Arbeitsmarkt in Deutschland verschlechtert sich weiter, die Wirtschaft stagniert." Dennoch seien viele zu pessimistisch. Immerhin habe sich die Wettbewerbsfähigkeit verbessert, so Meier zum Abendblatt.
Der "Economist" schließt seine Einschätzung mit einer Warnung, die Steuern nicht zu erhöhen: "Die Story aus Deutschland könnte überraschend gut werden - vorausgesetzt, die Politiker vermasseln es nicht nach der Wahl im kommenden Monat."
erschienen am 20. August 2005