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ZAUNGÄSTE und andere Randnotizen

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03.08.2019 08:54
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Ich schließe die Augen,
die Zweige rauschen

doch weiß ich, es ist nicht der Wind

Ich glaube,
dass es die Seufzer Merlins,
des schlafenden Zauberers
sind


Hannes Wader - Der Weißdornbusch
https://www.youtube.com/w [...] Bq_6F0_s




15.08.2019 20:35
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Noch bist du da

Wirf deine Angst
in die Luft

Bald ist deine Zeit um
bald
wächst der Himmel
unter dem Gras
fallen deine Träume
ins Nirgends

Noch
duftet die Nelke
singt die Drossel
noch darfst du lieben
Worte verschenken
noch bist du da

Sei was du bist
Gib was du hast

Rose Ausländer

15.08.2019 20:50
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Ich

bin eine Koralle
im Meer der
Erinnerungen
und warte
auf den Wind

Prinzessin
fisch
mich auf
leg mich
um deinen Hals

Das wäre
mein Glück

Rose Ausländer



16.08.2019 07:40
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Wenn jeder Scheinheilige wie eine 60-Watt-Birne leuchten würde, könnte man nachts nicht mehr ohne Augenbinde schlafen.

Wolfgang J. Reus

16.08.2019 08:07
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Wer eine Empfindung verbergen will, trägt die entgegengesetzte stets in unnatürlich hohem Maaße zur Schau.

Paul Rée

16.08.2019 09:32
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Nachtzauber

Der Mond errötet
Kühle durchweht die Nacht

Am Himmel
Zauberstrahlen aus Kristall

Ein Poem
besucht den Dichter

Ein stiller Gott
schenkt Schlaf
eine verirrte Lerche
singt im Traum
auch Fische singen mit
denn es ist Brauch
in solcher Nacht
Unmögliches zu tun

Rose Ausländer


16.08.2019 19:28
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Irgendwo blüht die

Blume des Abschieds

und streut immerfort

Blütenstaub den wir

atmen herüber,und auch noch im kommendsten Wind

atmen wir Abschied

Rainer Maria Rilke



22.08.2019 14:35
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Ihre Worte

Für Nelly Sachs, die Freundin, die Dichterin, in Verehrung

Ihr Worte, auf, mir nach!,
und sind wir auch schon weiter,
zu weit gegangen, geht's noch einmal
weiter, zu keinem Ende geht's.
Es hellt nicht auf.
Das Wort
wird doch nur
andre Worte nach sich ziehn,
Satz den Satz.
So möchte Welt,
endgültig,
sich aufdrängen,
schon gesagt sein.
Sagt sie nicht.
Worte, mir nach,
daß nicht endgültig wird
- nicht diese Wortbegier
und Spruch auf Widerspruch!
Laßt eine Weile jetzt
keins der Gefühle sprechen,
den Muskel Herz
sich anders üben.
Laßt, sag ich, laßt.
Ins höchste Ohr nicht,
nichts, sag ich, geflüstert,
zum Tod fall dir nichts ein,
laß, und mir nach, nicht mild
noch bitterlich,
nicht trostreich,
ohne Trost
bezeichnend nicht,
so auch nicht zeichenlos -
Und nur nicht dies: das Bild
im Staubgespinst, leeres Geroll
von Silben, Sterbenswörter.
Kein Sterbenswort,
Ihr Worte!

Ingeborg Bachmann

23.08.2019 14:30
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Traumbrücke



Über die Tage, über die hellen,

Wenn sie der Abend verdunkelt hat,

Schießen die langen, schießen die schnellen

Brücken des Traumes von Stadt zu Stadt.



Über die Wälder, über die Meere

Wölbt sich mitternächtig ihr Flug,

Weit wie der Wolken schweifende Heere,

Breit wie der Vögel wandernder Zug,



Vogelgleich, wolkenhaft, ohne Entgleiten,

Denn ihre Pfeiler stehn nahe bewahrt;

Aber die Ufer, aber die Weiten

Ziehn sich entgegen in rasender Fahrt:



Und es hebt sich zu der Spieluhr

Leisem Gang die Schlange weiß,

Die aus Königsgräbern auffuhr

In dem blitzgebahnten Gleis.



Und es schnellen tausendfachen

Winkes Götter Arm um Arm,

Von den Schalen, alten, flachen

Nährt sich ihrer Finger Schwarm.



Und es schwimmen nahe Wände

Fort in Urwald und Gestade,

Drinnen schlingen ohne Ende

Sich die vielbegangnen Pfade.



Unverhaltbar müssen spalten

Munde sich in langen Schrein

Und es brechen die Gestalten,

Die befreiten, in sich ein.



Aber beim Scheine des Morgens beschlugen

Sich die Gesichter mit Ferne und Licht,

Und die sich töteten und die sich trugen,

Liegen allein und erkannten sich nicht.


Maria Luise Weissmann





editiert am 23.08.2019 14:51 Beitrag melden Zitatantwort
23.08.2019 21:48
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Ebene Landschaft

Die Erde kam, ein grauer Strom, geflossen.
Kein Damm, der ihre Flut zusammenhält,
Sie hat sich über Berg und Tal und Haus ergossen.
Fern, wo ein schmaler Strich den Horizont erhellt,
Ein Baum. Entwurzelt. Der ins Leere fällt.

Maria Luise Weissmann

23.08.2019 22:17
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Seele

Sieh, meine Seele ist wie eine Taube,
So leichtbeschwingt und weiß und federweich.
Und ganz erfüllt von Zärtlichkeit und Glaube.
Ein lichter Bote aus dem höhern Reich.

Und meine Seele ist wie eine Wildnis,
Wo Geister lauern, Dunkles sich versteckt.
Doch hütet sie zu tiefst das reine Bildnis
Der Taube, die kein Schmutz und Sünd befleckt.

Francisca Stoecklin

25.08.2019 09:47
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Ode und frisches Keimen

Und weil Liebe kämpft, nicht nur
auf eigenem brennendem Feld,
sondern in Mündern auch von Männern und Frauen
darum will ich denen entgegentreten,
die zwischen meine Brust und deinen Duft
ihre finsteren Gedanken sähen.

Über mich, nichts Schlechteres,
gibt es zu erzählen, meine Liebe,
als das, was ich dir gesagt.

ich lebte im Ödland
bevor ich dich traf
Ich wartete gar nicht auf Liebe, doch
lag ich da in Erwartung und sprang auf das Ross.

Was kann ich noch sagen?
Bin weder gut noch schlecht, sondern Mensch,
und ich brachte mein leben in eine Gefahr, die du kennst
und mit Leidenschaft du teilst.

Und gut, diese Gefahr
ist die Gefahr der Liebe, der vollkommenen Liebe
für ein Leben,
für alle Leben,
und wenn diese Liebe uns
den Tod und die Haft bringt,
bin ich sicher, dass deine großen Augen,
als bald ich sie küsse
mit Stolz sich verschließen,
zum Doppel Stolz, Liebe,
mit deinem Stolz und meinem (Stolz).

Aber an mein Ohr werden sie kommen
um den Turm zu untergraben
der süßen und schweren Liebe die uns verbindet,
sie werden sagen: "Die eine
die du liebst,
sie ist nicht die Frau für dich,
warum liebst du sie? Ich denk
du findest eine viel schönere,
viel ernstere, viel tiefere,
ganz andere, du verstehst, sieh doch wie sanft sie ist
und was sie im Kopf hat,
und wie sie sich kleidet,
und so weiter und weiter".

Und mit diesen Zeilen sage ich:
So wie es ist will ich dich, meine liebe,
meine liebe, wie es ist liebe ich dich,
wie du dich Kleidest
und wie dein Haar sich türmt
wie deine Lippen lächeln
leicht wie das Wasser
des Frühlings auf reinem Fells
Wie es ist liebe ich dich, Liebling.

Ich frage nicht das Brot mich zu lehren
aber nur um nichts vom Alltag zu versäumen.
Ich weiß nichts über das Licht, von wo
es kommt und wohin es geht,
Ich will nur dass das Licht erstrahlt,
ich erbitte nicht dass die Nacht sich mir erschliesst
ich warte nur und sie empfängt mich,
und so bist du und Brot und Licht
und Schatten da.

Du bist in mein Leben gekommen
mit allem was du brachtest,
gemacht
aus Licht und Brot und Schatten so erwartete ich dich,
und so brauche
und so liebe ich dich,
und alle, die vom morgen hören wollen
was ich nicht vermag zu sagen, last sie es lesen hier,
und lasst sie zurückkehren ins jetzt, denn es ist zu früh
für Diskussionen dieser Art.

Morgen geben wir ihnen nur
ein Blatt des Baumes unserer Liebe, ein Blatt
fallend zur Erde,
wie von unseren Lippen erschaffen
gleich einem Kuss, fallend
aus unseren unerreichbaren Höhen
zum Zeichen des Feuers und der Zärtlichkeit einer
wahren Liebe.

Pablo Neruda

25.08.2019 18:19
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Es gibt Blender, die sind so gut, daß sie sich sogar selber blenden.

© Rose von der Au

27.08.2019 15:40
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Trennung

Denkst du noch jenes Abends, still vor Sehnen,
wo wir zum letztenmal im Park beisammen?
Kühl standen rings des Abendrotes Flammen,
ich scherzte wild - du lächeltest durch Tränen.

So spielt der Wahnsinn lieblich mit den Schmerzen
an jäher Schlüfte Rand, die nach ihm trachten;
Er mag der lauernden Gefahr nicht achten;
Er hat den Tod ja schon im öden Herzen.

Ob du die Mutter auch belogst, betrübtest,
was andre Leute drüber deuten, sagen -
Sonst scheu -
heut mochtst du nichts nach allem fragen,
mir einzig zeigen, nur, wie du mich liebtest.

Und aus dem Hause heimlich so entwichen,
gabst du ins Feld mir schweigend das Geleite,
vor uns das Tal, das hoffnungsreiche, weite,
Und hinter uns kam grau die Nacht geschlichen.

Du gehst nun fort, sprachst du, ich bleib alleine;
Ach! dürft ich alles lassen, still und heiter
mit dir so ziehn hinab und immer weiter -
Ich sah dich an - es spielten bleiche Scheine.

So wunderbar um Locken dir und Glieder;
So ruhig, fremd warst du mir nie erschienen,
Es war, als sagten die versteinten Mienen,
Was du verschwiegst: Wir sehn uns niemals wieder

v.Joseph von Eichendorff

28.08.2019 09:57
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gelöscht



editiert am 29.08.2019 12:27 Beitrag melden Zitatantwort
29.08.2019 14:37
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Dich


Dich
dich sein lassen
ganz dich

Sehen
dass du nur du bist
wenn du alles bist
was du bist
das Zarte
und das Wilde
das was sich losreißen
und das was sich anschmiegen will

Wer nur die Hälfte liebt
der liebt dich nicht halb
sondern gar nicht
der will dich zurechtschneiden
amputieren
verstümmeln

Dich dich sein lassen
ob das schwer oder leicht ist?
Es kommt nicht darauf an mit wieviel
Vorbedacht und Verstand
sondern mit wieviel Liebe und mit wieviel
offener Sehnsucht nach allem –
nach allem
was du ist

Nach der Wärme
und nach der Kälte
nach der Güte
und nach dem Starrsinn
nach deinem Willen
und deinem Unwillen
nach jeder deiner Gebärden
nach deiner Ungebärdigkeit
Unstetigkeit
Stetigkeit

Dann
ist dieses
dich dich sein lassen
vielleicht
gar nicht so schwer.

-Erich Fried



05.09.2019 17:17
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Werte

Die guten Dinge des Lebens
sind alle kostenlos:
die Luft, das Wasser, die Liebe.
Wie machen wir das bloß,
das Leben für teuer zu halten,
wenn die Hauptsachen kostenlos sind?
Das kommt vom frühen Erkalten.
Wir genossen nur damals als Kind
die Luft nach ihrem Werte
und Wasser als Lebensgewinn,
und Liebe, die unbegehrte,
nahmen wir herzleicht hin.
Nur selten noch atmen wir richtig
und atmen die Zeit mit ein
wir leben eilig und wichtig
und trinken statt Wasser Wein.
Und aus der Liebe machen
wir eine Pflicht und Last.

Und das Leben kommt dem zu teuer,
der es zu billig auffasst.

Eva Strittmatter

09.09.2019 06:24
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Ich denke dein, wenn mir der Sonne Schimmer
Vom Meere strahlt;
Ich denke dein, wenn sich des Mondes Flimmer
In Quellen malt.
Ich sehe dich, wenn auf dem fernen Wege
Der Staub sich hebt;
In tiefer Nacht, wenn auf dem schmalen Stege
Der Wandrer bebt.
Ich höre dich, wenn dort mit dumpfem Rauschen
Die Welle steigt.
Im stillen Haine geh ich oft zu lauschen,
Wenn alles schweigt.
Ich bin bei dir, du seist auch noch so ferne,
Du bist mir nah!
Die Sonne sinkt, bald leuchten mir die Sterne
O wärst du da

-Johann Wolfgang von Goethe


editiert am 09.09.2019 06:27 Beitrag melden Zitatantwort
09.09.2019 18:36
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Naturszene

Das Wasser rinnt vom Felsgestein
Und furcht die moosge Bank,
Die Gräser, hellgrün, schmal und klein,
Sie stehn umher und saugens ein,
Gesättigt ohne Dank.
Und an die Blumen unterm Grün,
Wie Bürgerstöchter stolz,
In blau und rot und goldner Tracht,
Hat sich der Schmetterling gemacht;
Der saugt und küsst und schaukelt sich,
Und fliegt zuletzt davon,
So achtlos, dass am nächsten Tag
Er kaum noch mehr erkennen mag,
Wo er genossen schon.
Und drüber rauscht der Baum, als ob
Nichts unter ihm geschäh,
Nach rückwärts strebt der Fels empor,
Schaut gradaus in die Höh.
Die Wolken aber allzuhöchst
Ziehn hin mit Sturmsgewalt,
Sie weilen nicht, sie säumen nicht,
Rasch wechselnd die Gestalt.
Und durch das All voll Eigensucht
Geh ich mit finstrer Brust,
Vor dem genossner Treu und Lieb
Halb wie im Traum bewusst.

(Franz Grillparzer, 1791-1872, österreichischer Schriftsteller)


14.09.2019 11:56
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Wenn Du immer wieder das tust,
was Du immer schon getan hast,
dann wirst Du immer wieder das bekommen,
was Du immer schon bekommen hast.
Wenn Du etwas anderes haben willst,
musst Du etwas anderes tun!
Und wenn das, was Du tust, Dich nicht weiterbringt,
dann tu etwas völlig Anderes –
statt mehr vom gleichen Falschen!

-Paul Watzlawick



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