das fenster
Das Fenster
Es scheint schon spät zu sein, aber als ich auf die Uhr blicke, ist es, ganz zu meiner Verwunderung, doch erst kurz nach neun. Die ersten Abendsendungen sind schon fast vorbei, die zweiten haben noch nicht richtig angefangen. Ich erhebe mich träge und müde aus meinem Sessel und begebe mich zu meinem Lieblingsplatz in meiner 52m² Wohnung, die ich in Wohn- und Schlafzimmer aufgeteilt habe, auch wenn ich fast die ganze Zeit des Tages nur in einem Raum verbringe. Mein Lieblingsplatz? Das Fenster meiner Küche. Langsam, schleichend fast, erreiche ich die Küche. Links und rechts von mir stehen noch vereinzelt Gläser herum, die ich wieder einmal nicht in den Geschirrspüler gestellt habe. Beim Fenster angekommen, bewege ich meine Hand in Richtung der Fensterklinke, um meiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen zu können. Meine Lieblingsbeschäftigung ist ganz simpel, von vielen Leuten Tag ein Tag aus getan und perfekt oder auch unbedeutend in den Alltag aufgenommen. Aus dem Fenster schauen. Viele Leute sehen aus dem Fenster, wenn sie morgens aufwachen, vielleicht suchen sie den Sonnenschein, der sie durch den Tag führen soll. Andere rufen ihre draußen spielenden Kinder durch ein Fenster zum Mittagessen. Wieder andere reißen ihr Fenster auf, um dem Nachbarn ins gegenüberliegende Fenster zu schreien, dass dieser die Musik endlich leiser drehen soll. So dient dem Menschen das Fenster als Beobachtungsmöglichkeit, Kommunikationsmittel, oder einfach als Grenze zwischen drinnen und draußen. Mein Fenster sollte mir Ort der Begegnung werden. Ich blicke wieder auf die Uhr. Viertel zehn zeigen mir die Zeiger, die immer schneller liefen, als es mir lieb war. Ich hocke auf meinem Stuhl vor dem geöffneten Fenster. Gleich in etwa einer Minute macht Frau Stellenrot ihr Fenster auf. So wie jeden Abend. Darauf folgt ein deutlich zu hörender Streit, in dem es immer wieder um die zunehmende Kälte im Zimmer geht, die durch das geöffnete Fenster entsteht. Ja und wieder läuft genau diese beschriebene Situation ab. Frau Stellenrot schließt das Fenster. „Einen wunderschönen Guten Abend, die Dame.“, schwebt mir der Klang einer sehr weichen Männerstimme entgegen. Die Stimme des 35-jährigen Karl Wagners, der jeden Abend einen Spaziergang mit seinem kleinen Dackel vollzieht. Heute trägt er seinen blauen Anzug, so wie annähernd jeden Mittwoch. Jeden Tag etwas anderes und dabei doch immer das Gleiche. Alles kommt wieder, wiederholt sich und ich kann die Uhr danach stellen. Man mag nun sagen: „Dann schau doch nicht mehr aus dem Fenster!“, „Du gehst ja ein in dieser Einöde.“, „Der Alltag bringt dich noch um.“, höre ich meine jüngere Schwester sagen. Sie haben ja Recht. Dennoch sitze ich wieder jeden Abend um die gleiche Zeit da, beobachte und sauge die immer wiederkehrenden Abläufe meiner Umwelt in mich auf. „Sicherheit“, sagt mein bester Freund dessen zweiter Name Hobbypsychologe ist „du klammerst dich an dein Fenster, auf der Suche nach Sicherheit.“ „Ja, ja.“, denke ich mir. Auch wenn es vielleicht ein wenig stimmt, sitze ich doch nur hier, weil ich auf diese kleine Veränderung warte. Diese kleine Veränderung in den immer wieder ablaufenden Handlungen, die sich vor meinem Fenster abspulen. Eine Veränderung, die mich mit fort nimmt. Und da ist sie. Sie kommt unscheinbar und was mich noch wahnsinniger macht, sie kommt unregelmäßig. Es war eine Frau, Anfang 20, groß, blonde mittellange Haare, braune Augen. Sie geht an meinem Fenster vorbei. Nur kurz kann ich sie, wenn ich vom Fenster weiter entfernt bin, vom rechten bis zum linken unteren Rand meines Fensters vorüber gehen sehen. Gehe ich näher hin, kann ich den Zeitraum, in dem ihr Kopf von rechts nach links schwebt noch verlängern. Sitze ich direkt beim Fenster, sehe ich mehr von ihr und kann sie noch lange beobachten, während sie die Straße hinunterläuft und an der 89 Straße nach links abbiegt. Sie kommt noch nicht täglich, eigentlich weiß ich gar nicht, wann sie kommt. Ich weiß nur, dass sie jetzt öfters hier vorbei läuft. Anfangs kommt sie nur dienstags oder mittwochs an meinem Fenster vorbei, ohne nach links und recht zu blicken. Inzwischen kommt sie mal donnerstags, mittwochs oder sogar an einem Sonntag. An welchem Tag genau, weiß ich nicht. Nur die Uhrzeit ist meist gleich. Immer zwischen neun und elf abends. Wo kommt sie her, und wo geht sie hin. Wartet zu Hause ein Freund auf sie, eine Freundin. Hat sie bis jetzt gearbeitet, oder fängt sie jetzt erst an. Wohnt sie rechts von meinem Fenster oder links von diesem. Vor ein paar Tagen hat sie angefangen in meine Richtung zu sehen. Sieht sie mich an, an mir vorbei, oder gar durch mich durch. Mein Drang nach Sicherheit bringt mich dazu, zu notieren, wann sie an meinem Fenster vorbei läuft. Doch ich kann immer noch keine Regelmäßigkeit feststellen. Wie schrecklich erscheint mir das, und doch wie prickelt es in mir, wenn ich an diese kleine Veränderung des Üblichen denke. Wenn ich an sie denke. Ich sitze da und warte darauf, sie wieder zu sehen. Ich vergesse sogar schon in welchem Anzug Karl heute vorbei laufen wird, vergesse den Streit um das geöffnete Fenster meiner Nachbarn. Nichts scheint mehr meine Aufmerksamkeit zu erhalten, als diese Minute, in der ich sie kommen und gehen sehe. „Schöne Nacht“, sagt sie mit sanfter Stimme. Mein Herz klopft so laut, ich fürchte, sie würde es gleich schlagen hören. Ich sage nichts. Sie geht weiter. Karl Wagner, Frau Stellenrot, der Pudel, oder war es ein Dackel, die Veränderung. Alles leer in meinem Kopf. Ich muss mir an die Stirn klopfen, um das kleine Chaos in mir wieder zu ordnen. In meinen Gedanken bleibt nur eins übrig. SIE.
Sie kommt jetzt öfters als früher. Mal sagt sie etwas über den Mond, der besonders hoch steht, manchmal über die Sterne, die sehr zahlreich am Himmel leuchten, oder die ,zu ihrem Bedauern, wieder einmal von den Wolken verdeckt sind. „Heute ist es besonders kalt“, sagt sie und lächelt im Vorübergehen. „Kalt, heute, draußen, wärmen, drinnen, sie, ich, morgen, nie, jetzt.“, sprudelt es in meinem Kopf. „Komm doch rein“, höre ich mich selbst. Mir ist, als spräche aus mir eine fremde Person, die sich meiner Stimme bedient. Habe ich das wirklich gesagt. Ich weiß es nicht, doch ihr Blick bejaht meine innerliche Frage. Zum ersten Mal bleibt sie stehen. Ich betrachte meinen Fensterrahmen. Bleibt sie tatsächlich stehen, oder spielen mir meine Augen, die jahrelang den Rahmen dieses Fenster und das Geschehen in ihm anstarren, einen Streich. Ihre umwerfend großen braunen Augen sehen mich an. „Ja! Drinnen ist es sicher warm.“
Manchmal warten wir auf eine Veränderung und bezweifeln deren Ankunft, auch wenn diese so nah ist. Würden wir nur einmal ein Fenster öffnen und sie in Empfang nehmen.
Es scheint schon spät zu sein, aber als ich auf die Uhr blicke, ist es, ganz zu meiner Verwunderung, doch erst kurz nach neun. Die ersten Abendsendungen sind schon fast vorbei, die zweiten haben noch nicht richtig angefangen. Ich erhebe mich träge und müde aus meinem Sessel und begebe mich zu meinem Lieblingsplatz in meiner 52m² Wohnung, die ich in Wohn- und Schlafzimmer aufgeteilt habe, auch wenn ich fast die ganze Zeit des Tages nur in einem Raum verbringe. Mein Lieblingsplatz? Das Fenster meiner Küche. Langsam, schleichend fast, erreiche ich die Küche. Links und rechts von mir stehen noch vereinzelt Gläser herum, die ich wieder einmal nicht in den Geschirrspüler gestellt habe. Beim Fenster angekommen, bewege ich meine Hand in Richtung der Fensterklinke, um meiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen zu können. Meine Lieblingsbeschäftigung ist ganz simpel, von vielen Leuten Tag ein Tag aus getan und perfekt oder auch unbedeutend in den Alltag aufgenommen. Aus dem Fenster schauen. Viele Leute sehen aus dem Fenster, wenn sie morgens aufwachen, vielleicht suchen sie den Sonnenschein, der sie durch den Tag führen soll. Andere rufen ihre draußen spielenden Kinder durch ein Fenster zum Mittagessen. Wieder andere reißen ihr Fenster auf, um dem Nachbarn ins gegenüberliegende Fenster zu schreien, dass dieser die Musik endlich leiser drehen soll. So dient dem Menschen das Fenster als Beobachtungsmöglichkeit, Kommunikationsmittel, oder einfach als Grenze zwischen drinnen und draußen. Mein Fenster sollte mir Ort der Begegnung werden. Ich blicke wieder auf die Uhr. Viertel zehn zeigen mir die Zeiger, die immer schneller liefen, als es mir lieb war. Ich hocke auf meinem Stuhl vor dem geöffneten Fenster. Gleich in etwa einer Minute macht Frau Stellenrot ihr Fenster auf. So wie jeden Abend. Darauf folgt ein deutlich zu hörender Streit, in dem es immer wieder um die zunehmende Kälte im Zimmer geht, die durch das geöffnete Fenster entsteht. Ja und wieder läuft genau diese beschriebene Situation ab. Frau Stellenrot schließt das Fenster. „Einen wunderschönen Guten Abend, die Dame.“, schwebt mir der Klang einer sehr weichen Männerstimme entgegen. Die Stimme des 35-jährigen Karl Wagners, der jeden Abend einen Spaziergang mit seinem kleinen Dackel vollzieht. Heute trägt er seinen blauen Anzug, so wie annähernd jeden Mittwoch. Jeden Tag etwas anderes und dabei doch immer das Gleiche. Alles kommt wieder, wiederholt sich und ich kann die Uhr danach stellen. Man mag nun sagen: „Dann schau doch nicht mehr aus dem Fenster!“, „Du gehst ja ein in dieser Einöde.“, „Der Alltag bringt dich noch um.“, höre ich meine jüngere Schwester sagen. Sie haben ja Recht. Dennoch sitze ich wieder jeden Abend um die gleiche Zeit da, beobachte und sauge die immer wiederkehrenden Abläufe meiner Umwelt in mich auf. „Sicherheit“, sagt mein bester Freund dessen zweiter Name Hobbypsychologe ist „du klammerst dich an dein Fenster, auf der Suche nach Sicherheit.“ „Ja, ja.“, denke ich mir. Auch wenn es vielleicht ein wenig stimmt, sitze ich doch nur hier, weil ich auf diese kleine Veränderung warte. Diese kleine Veränderung in den immer wieder ablaufenden Handlungen, die sich vor meinem Fenster abspulen. Eine Veränderung, die mich mit fort nimmt. Und da ist sie. Sie kommt unscheinbar und was mich noch wahnsinniger macht, sie kommt unregelmäßig. Es war eine Frau, Anfang 20, groß, blonde mittellange Haare, braune Augen. Sie geht an meinem Fenster vorbei. Nur kurz kann ich sie, wenn ich vom Fenster weiter entfernt bin, vom rechten bis zum linken unteren Rand meines Fensters vorüber gehen sehen. Gehe ich näher hin, kann ich den Zeitraum, in dem ihr Kopf von rechts nach links schwebt noch verlängern. Sitze ich direkt beim Fenster, sehe ich mehr von ihr und kann sie noch lange beobachten, während sie die Straße hinunterläuft und an der 89 Straße nach links abbiegt. Sie kommt noch nicht täglich, eigentlich weiß ich gar nicht, wann sie kommt. Ich weiß nur, dass sie jetzt öfters hier vorbei läuft. Anfangs kommt sie nur dienstags oder mittwochs an meinem Fenster vorbei, ohne nach links und recht zu blicken. Inzwischen kommt sie mal donnerstags, mittwochs oder sogar an einem Sonntag. An welchem Tag genau, weiß ich nicht. Nur die Uhrzeit ist meist gleich. Immer zwischen neun und elf abends. Wo kommt sie her, und wo geht sie hin. Wartet zu Hause ein Freund auf sie, eine Freundin. Hat sie bis jetzt gearbeitet, oder fängt sie jetzt erst an. Wohnt sie rechts von meinem Fenster oder links von diesem. Vor ein paar Tagen hat sie angefangen in meine Richtung zu sehen. Sieht sie mich an, an mir vorbei, oder gar durch mich durch. Mein Drang nach Sicherheit bringt mich dazu, zu notieren, wann sie an meinem Fenster vorbei läuft. Doch ich kann immer noch keine Regelmäßigkeit feststellen. Wie schrecklich erscheint mir das, und doch wie prickelt es in mir, wenn ich an diese kleine Veränderung des Üblichen denke. Wenn ich an sie denke. Ich sitze da und warte darauf, sie wieder zu sehen. Ich vergesse sogar schon in welchem Anzug Karl heute vorbei laufen wird, vergesse den Streit um das geöffnete Fenster meiner Nachbarn. Nichts scheint mehr meine Aufmerksamkeit zu erhalten, als diese Minute, in der ich sie kommen und gehen sehe. „Schöne Nacht“, sagt sie mit sanfter Stimme. Mein Herz klopft so laut, ich fürchte, sie würde es gleich schlagen hören. Ich sage nichts. Sie geht weiter. Karl Wagner, Frau Stellenrot, der Pudel, oder war es ein Dackel, die Veränderung. Alles leer in meinem Kopf. Ich muss mir an die Stirn klopfen, um das kleine Chaos in mir wieder zu ordnen. In meinen Gedanken bleibt nur eins übrig. SIE.
Sie kommt jetzt öfters als früher. Mal sagt sie etwas über den Mond, der besonders hoch steht, manchmal über die Sterne, die sehr zahlreich am Himmel leuchten, oder die ,zu ihrem Bedauern, wieder einmal von den Wolken verdeckt sind. „Heute ist es besonders kalt“, sagt sie und lächelt im Vorübergehen. „Kalt, heute, draußen, wärmen, drinnen, sie, ich, morgen, nie, jetzt.“, sprudelt es in meinem Kopf. „Komm doch rein“, höre ich mich selbst. Mir ist, als spräche aus mir eine fremde Person, die sich meiner Stimme bedient. Habe ich das wirklich gesagt. Ich weiß es nicht, doch ihr Blick bejaht meine innerliche Frage. Zum ersten Mal bleibt sie stehen. Ich betrachte meinen Fensterrahmen. Bleibt sie tatsächlich stehen, oder spielen mir meine Augen, die jahrelang den Rahmen dieses Fenster und das Geschehen in ihm anstarren, einen Streich. Ihre umwerfend großen braunen Augen sehen mich an. „Ja! Drinnen ist es sicher warm.“
Manchmal warten wir auf eine Veränderung und bezweifeln deren Ankunft, auch wenn diese so nah ist. Würden wir nur einmal ein Fenster öffnen und sie in Empfang nehmen.