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in memory

Touhy
HiddenNickname
offline
12.03.2007 01:44
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Momentan schießen hier die Beiträge über irgendwelche verstorbenen Freunde wie Pilze aus dem Boden.
Ich muss mich auch leider in die Reihe der Menschen eintragen, die jemanden verloren haben.

Julia.

Sie ist eine Arbeitskollegin von mir gewesen, ich kannte sie ziemlich genau 2 Jahre. Sie kam auf Station, als ich gerade selbst ein Jahr dort war. Ich fand sie nett, sie war auch eine gute Schwester und hatte Ahnung von der Materie.
Damals kam sie frisch nach dem Examen und war grad 20 Jahre alt. Einen Monat später fing Aline bei uns an und die beiden wurden die besten Freundinnen. Ich hab beide gerne gemocht, aber eher hatt ich mit Ali zu tun als mit Julia.
2005 ums Oktoberfest fing Julia an mit ständigen Magenschmerzen. Sie änderte ihre Ernährung und trank weniger Alkohol. Sie ist kein kranker Mensch gewesen. Sie war schlank und sportlich, hatte viele Freunde und eine nette Familie. Nur eben immer Magenschmerzen. Alkohol trank sie wie (Fast) jeder junge Mensch. Halt mal am WOE oder zum Feiern. Normal also. Nach der Ernährungsumstellung ging es eine Weile aber es kam immer wieder. Nachdem fast ein dreiviertel Jahr vergangen war, ließ sie sich von uns dazu überreden, eine Magenspiegelung zu machen. Es wurden ein paar Entzündungen festgestellt und ein paar Proben genommen. Eigentlich hat jeder nur mit einer Magenschleimhautentzündung gerechnet. Ich höre mich noch sagen, dass das an der 42 Stunden Woche liegt, die Julia und Aline als unsere Neulinge zu arbeiten hatten und wesentlich weniger frei hatten als wir, da wir noch unter den alten Tarifvertrag gefallen sind, die beiden aber ins Vakuum. Ich hab nur Teilzeit gearbeitet und war nicht oft da und hab nicht immer alles mitbekommen.

15.05.2006
Eine Woche nach dieser Magenspiegelung hatte ich Aline im MSN Messenger und sie war ziemlich fertig. "Julia ist krank. Sehr krank", schrieb sie mir. Ich fragte, was bei der Magenspiegelung rausgekommen ist. "Sie hat ein Adeno CA" (d.h. Magenkrebs). Ich hab gar nicht sofort reagiert, weil ich dachte, sie will mich verarschen.
Das ist eine Krankheit der Leute jenseits der 50 Jahr.
Dann hab ich sie angerufen und sie hat mich weggedrückt... sms: "kann jetzt nicht telefonieren". Bin dann zu ihr rüber ins andere Wohnheim und sie hat mir die ganze Geschichte noch mal genauer erzählt. Ich hab es wahr genommen, aber nicht so richtig realisiert. Das kann doch nicht sein????!! Doch schon am nächsten Tag kam die Maschinerie ins Rollen. Julia wurde von einer Untersuchung in die nächste geschickt. Sie hatte... wie soll man sagen-glück?- dass die Mitarbeiter im Haus war und bevorzugte Termine bekommen hat, wo andere Patienten lange warten müssen bzw. privat bezahlen müssen. Nach einigen Tagen dann lagen die Fakten auf dem Tisch. 8 Zentimeter großer Tumor und bereits Bauchwasser. Nicht mehr operabel. Es wurde eine Chemotherapie beschlossen und danach der Versuch einer OP. Die Chemo hat sie ganz gut vertragen, das Bauchwasser wurde weniger und das Essen ging noch ganz gut, nur die Haare gingen ihr aus. Sie war unter der Chemo noch vielleicht 2, 4 Tage arbeiten, aber nur für die Seele, um noch dabei zu sein. Mit einem Patientenzimmer war sie genug beschäftigt und hat schnell ihre Grenzen gespürt.

Ende Juli2006
Re-Staging. Also die Untersuchungen gingen wieder los. Hat die Chemo was gebracht? Ist der Tumor kleiner geworden?
Etwas. Weniger als man erwartet hatte.
Der OP Termin wurde festgelegt. Man wollte ihr eine Chance geben.

08.08.2006
Der Tag X, die Operation. Magen raus, Milz raus und die Lymphknoten raus. Und es wurden noch Proben von verdächtigen Stellen am Darm und am Bauchfell genommen. Sie war keine Risiko-Patientin und man verlegte sie nach der OP nicht wie üblich auf die Intensivstation sondern auf eine normale Station. ABends war ich bei ihr und es ging ihr den Umständen entsprechend gut. Sie hatte eine Schmerzpumpe laufen, 6 dicke Schläuche mit Ablaufbeuteln und eine Narbe vom Schambein bis zur Brust. Ihre Mutter war da, so blieb ich nicht lange.

12.08.2006
Abends wurde Julia auf die Intensivstation verlegt. Ihre Sauerstoffsättigung war bei 60% von 100. Sie hatte massive Schmerzen und war kaum noch ansprechbar. Sie hatte eine Lungenentzündung, sie hatte massenhaft Bauchwasser und Flüssigkeit zwischen Lunge und Brustfell, das ihr alles die Luft nahm. Es wurden vier neue Drainagen gelegt.

18.08.2006
Die Befunde der OP sind raus: die Proben am Bauchfell und am Darm sind alle Krebsabsiedelungen.
Entfernt wurden sie während der OP nicht, man kann ihr ja nicht die ganzen Eingeweiden rausschneiden.

25.08.2006
Ein Donnerstag, Julia wurde aus dem Krankenhaus entlassen. Die Chemo sollte weitergehen, sobald sie sich von der OP erholt hätte. Die Ärzte sagten ihr, dass sie machen kann was sie will, es würde am Ergebnis nichts ändern. Sehr feinfühlig.

27.08.2006
Ein Samstag. Julia hatte 40° Fieber und massive Schmerzen. Sie rief auf Station bei uns an und fragte, ob wir einen Arzt da haben. Dieser riet ihr dann, sofort rein zu kommen. Also fuhren Ihre Eltern sie 250 Kilometer von sich nach Hause nach München ins Klinikum. Sie kam wieder in die Röhre und man stellte fest, dass sie eine Eiteransammlung hatte, wo vor der OP noch die Milz war. Sie bekam eine neue Drainage. Mit dem Hinweis, dass es nicht weh tun würde, bekam sie keine Narkose. Und schreien konnte sie nicht. Sie hatte keine Kraft und sie durfte sich nicht bewegen, damit die Nadel nicht falsch trifft. Hölle. Diese Ärzte sollte man genau so behandeln, wie sie Julia behandelt hatten.

September 2006
Sie wurde mit Drainage nach Hause gelassen. Weil sie selbst Krankenschwester ist und ihre Mutter auch, sollte sie sich nun selbst versorgen. Aber es war ihr recht, denn sie wollte nicht mehr zurück in diese Hölle.

Oktober 2006
Sie fing wieder an mit Chemotherapie, diesmal ein anderes Präparat. Angeblich soll das besser wirken, es gab Studien in den USA dazu.

Sie bekam ohne Magen und mit Chemo massive Durchfälle, konnte kaum noch essen und selbst die Ernährung über eine Sonde, die in den Darm ging, fing das nicht auf.
Sie ging in ihr Heimatkrankenhaus, als es ihr massiv schlecht ging und sie stärkste Schmerzen hatte. In einer Computertomographie fand man inzwischen Metastasen in der Leber.
Sie versuchte noch mal, die Chemo weiter zu machen.

Ich war inzwischen nach Köln umgezogen und erfuhr die Dinge so nach und nach.

Januar 2007
Es wurden Metastasen im Beckenknochen gefunden.
Der Informationsfluss aus München reduzierte sich zunehmend.

Ende Februar 2007
Ich bekam eine Email von einem ehemaligen Arbeitskollegen, dass es Julia sehr schlecht gehen würde. Von Aline hab ich am selben Tag gehört, dass sie neue Metastasen am Beckenknochen hat und an den Eierstöcken und Ali auch momentan keinen Kontakt mehr hat.

11.03.2007
Ich kam grade von Heimaturlaub aus Thüringen, als mich Ali anrief. Ich begrüßte sie überschwenglich, weil sie sich nur noch selten gemeldet hatte. Sie sagte "hallo"... order irgendwas ähnliches. An ihrer Stimme merkte ich es. Sie hätte es mir gar nicht sagen brauchen. Julia ist heute Nacht gestorben.
im Krankenhaus bei sich zu Hause. Sie hatte am Donnerstag noch mal die Gelegenheit gehabt, sie zu besuchen und sich zu verabschieden.
Die Beerdigung ist am Donnerstag Mittag...

Mir kamen die Tränen... Die Stimme erstickte. Obwohl ich schon so lange nicht mehr Kontakt zu Julia hatte. Und gestern noch hab ich mit meinem Cousin über sie gesprochen. Er ist auch Krankenpfleger.
Als ob ich es geahnt hatte. Meine Worte gestern waren, dass sie ihr letztes Weihnachten gehabt hat. Ich bin eigentlich sehr realistisch in solchen Sachen.
Und nun ist sie tot.
Aline tröstete mich am Telefon. Es war das beste für Julia, sie muss nicht mehr leiden, sie war voller Metastasen.

Wie komme ich nach Bayern zur Beerdigung? Ich hab Nachtdienst.
Hab ich es überhaupt verdient, noch mal hin zu gehen? Ich hab mich ja am Ende kaum noch gemeldet. Ich kann zwar mit unseren kranken Patienten umgehen, aber Julia mit ihren 22 Jahren und ihrer todbringenden Diagnose hat mich überfordert. Ich hab immer die Therapie für fragwürdig gehalten, diese Chemo, die sie noch früher umbringt als die Krankheit selbst. Aber sowas darf man einem Menschen, der noch hofft nicht sagen. Das Leben kann mit 22 nicht schon zu Ende sein. Ich hab sie gemieden. Wir haben vor der Diagnose nicht so viel miteinander zu tun gehabt. An der Arbeit haben wir uns gut verstanden, aber privat hatte ich kaum mit ihr zu tun. Ich hab davon profitiert, dass Julia für Aline nicht mehr präsent war, denn so hat Aline mit mir viele Dinge unternommen, die sie sonst mit Julia gemacht hätte.
Bin ich nicht einfach nur falsch und habe ihre Krankheit dreist ausgenutzt?

Die billigste Möglichkeit, nach meinem Nachdienst noch pünktlich zur Beerdigung in Bayern zu sein kostet so um die 250 Euro.

Würde mir ein Abschied helfen, mein Durcheinander im Kopf zu sortieren?

Danke Julia, dass es dich gab, auch wenn wir nicht dauernd zusammen gehangen haben, so hab ich dich immer geschätzt als Kollegin.
Lass es dir da oben gut gehen.
Deichkind_
HiddenNickname
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14.03.2007 10:51
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deepinside
HiddenNickname
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14.03.2007 10:18
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