... musst es eben leiden
..... Musst es eben leiden
Nur das Paradies ist ohne Anfang und ohne Ende, ohne Zeit, die kommt, und Zeit, die geht, ohne Vorher und Nachher.
Kein Gestern, kein Morgen, ein ewiges Heute, in dem nichts geschieht. Es wird nicht geboren und nicht gestorben, nicht gehasst und nicht geliebt. Es gibt keine Begegnungen und keine Abschiede. Und keinen Hunger.
Die Wölfe sind satt. Ewig satt. Nirgends im Paradies liegt Wolfsscheiße herum. Die Wölfe haben nichts zu verdauen, die Lämmer nichts zu befürchten. Der Wolf, der nichts frisst, das Lamm, das nicht gefressen wird, sie unterscheiden sich nicht, sie sind eins, so wie Adam und Eva sich nicht unterscheiden, namenlos sind, nicht Mann und Frau, kein Leid und keine Freude kennen, keine Fragen haben und keine Antworten suchen. Alles ist eins.
Erst mit der Vertreibung beginnt das Leben, die Zeit, die Unterscheidung von Gestern und Morgen, Mann und Frau, Wolf und Lamm. Am Anfang war die Trennung, ein Abschied. Es ist nicht überliefert, ob Adam und Eva weinten. Oder schrieen. Oder sich sträubten. Wir wissen nur, dass sie den garten Eden nicht auf eigenen Wunsch, nicht freiwillig verließen. Genauso wenig, wie das Kind den Mutterleib freiwillig verlässt. Es wird nicht gefragt. Seine Zeit ist gekommen. Es wird ausgetrieben. In Hell und Dunkel, Kalt und warm, Hungrig und Satt. Ob es will oder nicht. Ob es brüllt oder nicht. Aus morgen wird heute, aus heute gestern. So lange, bis wieder seine Zeit gekommen ist. Ob es will oder nicht. Ob es brüllt oder nicht. Muß ihn eben leiden, den letzten Abschied wie den ersten und die dazwischen, die großen Abschiede wie die kleinen, die plötzlichen wie die allmählichen oder hinausgezögerten, so lange hinausgezögerten, bis es irgendwann doch soweit ist.
Irgendwann kommen zwei am Bahnhof an. Sitzen die Zeit bis zur abfahrt bei McDonalds ab. Auf festgeschraubten Stühlen. Jeder mit seinem Plastikbecher. Und auf dem Weg zum Bahnsteig dann der Elefant, rosarot, und weiß sich nicht zu lassen vor Freude. Die letzte Umarmung. Die lebendige Wärme dieses vertrauten Leibes. Wissen, dass es das letzte Mal ist, und es doch nicht glauben können. Der eine nimmt sein Gebäck und steigt ein, der andere geht langsam an den Waggongs entlang. Drinnen die vertraute Gestalt, die auf dem Gang auftaucht, verschwindet und wieder auftaucht. Inmitten der Menge dieser eine Mensch. Er hat einen Platz gefunden, er stellt sein Gebäck ab und schiebt das Fenster hinunter. Der draußen tritt heran und blickt hoch. Ringsum Hetzerei, Türenknallen und Stimmengewirr, und doch stehen die beiden wie allein und sehen sich an. Schon ein wenig fremd, schon ein wenig abwesend. Wissen nichts zu sagen. Versuchen ein Lächeln. Die Umarmung ist lange her. Sie hören Lautsprecheransagen und Züge, die ankommen oder abfahren. Sie wünschen, es wäre endlich vorbei. Sie hören den Pfiff und können nicht glauben, dass sie gleich, jetzt gleich nicht mehr beieinander sein werden, nicht mehr die Hand ausstrecken können, um diese eine, einmalige Hand am Zugfenster zu berühren.
Jeder kennt das. Solche Augenblicke, wenn draußen Lärm und drinnen Stille ist. Sie hören das „Bitte zurückbleiben“ der Lautsprecherstimme. Es geht sie nichts an. Jetzt sind sie nicht mehr ungeduldig. Möchten reden, alles sagen, den Zug anhalten, alles rückgängig machen. Noch einmal von vorne anfangen. Aber der Zug ist schon angefahren.
Der Zurückbleibende tritt zurück und hebt mechanisch die Hand, während die Waggongs immer schneller an ihm vorbeirattern und der am Fenster kleiner wird, kleiner und weiter weg und noch weiter, bis er nicht mehr zu unterscheiden ist von den anderen an den Fenstern.
(.....)
Katja Behrens
is ein Vorwort in einem Buch, ist nur der erste Teil davon aba ich finds Klasse....
Nur das Paradies ist ohne Anfang und ohne Ende, ohne Zeit, die kommt, und Zeit, die geht, ohne Vorher und Nachher.
Kein Gestern, kein Morgen, ein ewiges Heute, in dem nichts geschieht. Es wird nicht geboren und nicht gestorben, nicht gehasst und nicht geliebt. Es gibt keine Begegnungen und keine Abschiede. Und keinen Hunger.
Die Wölfe sind satt. Ewig satt. Nirgends im Paradies liegt Wolfsscheiße herum. Die Wölfe haben nichts zu verdauen, die Lämmer nichts zu befürchten. Der Wolf, der nichts frisst, das Lamm, das nicht gefressen wird, sie unterscheiden sich nicht, sie sind eins, so wie Adam und Eva sich nicht unterscheiden, namenlos sind, nicht Mann und Frau, kein Leid und keine Freude kennen, keine Fragen haben und keine Antworten suchen. Alles ist eins.
Erst mit der Vertreibung beginnt das Leben, die Zeit, die Unterscheidung von Gestern und Morgen, Mann und Frau, Wolf und Lamm. Am Anfang war die Trennung, ein Abschied. Es ist nicht überliefert, ob Adam und Eva weinten. Oder schrieen. Oder sich sträubten. Wir wissen nur, dass sie den garten Eden nicht auf eigenen Wunsch, nicht freiwillig verließen. Genauso wenig, wie das Kind den Mutterleib freiwillig verlässt. Es wird nicht gefragt. Seine Zeit ist gekommen. Es wird ausgetrieben. In Hell und Dunkel, Kalt und warm, Hungrig und Satt. Ob es will oder nicht. Ob es brüllt oder nicht. Aus morgen wird heute, aus heute gestern. So lange, bis wieder seine Zeit gekommen ist. Ob es will oder nicht. Ob es brüllt oder nicht. Muß ihn eben leiden, den letzten Abschied wie den ersten und die dazwischen, die großen Abschiede wie die kleinen, die plötzlichen wie die allmählichen oder hinausgezögerten, so lange hinausgezögerten, bis es irgendwann doch soweit ist.
Irgendwann kommen zwei am Bahnhof an. Sitzen die Zeit bis zur abfahrt bei McDonalds ab. Auf festgeschraubten Stühlen. Jeder mit seinem Plastikbecher. Und auf dem Weg zum Bahnsteig dann der Elefant, rosarot, und weiß sich nicht zu lassen vor Freude. Die letzte Umarmung. Die lebendige Wärme dieses vertrauten Leibes. Wissen, dass es das letzte Mal ist, und es doch nicht glauben können. Der eine nimmt sein Gebäck und steigt ein, der andere geht langsam an den Waggongs entlang. Drinnen die vertraute Gestalt, die auf dem Gang auftaucht, verschwindet und wieder auftaucht. Inmitten der Menge dieser eine Mensch. Er hat einen Platz gefunden, er stellt sein Gebäck ab und schiebt das Fenster hinunter. Der draußen tritt heran und blickt hoch. Ringsum Hetzerei, Türenknallen und Stimmengewirr, und doch stehen die beiden wie allein und sehen sich an. Schon ein wenig fremd, schon ein wenig abwesend. Wissen nichts zu sagen. Versuchen ein Lächeln. Die Umarmung ist lange her. Sie hören Lautsprecheransagen und Züge, die ankommen oder abfahren. Sie wünschen, es wäre endlich vorbei. Sie hören den Pfiff und können nicht glauben, dass sie gleich, jetzt gleich nicht mehr beieinander sein werden, nicht mehr die Hand ausstrecken können, um diese eine, einmalige Hand am Zugfenster zu berühren.
Jeder kennt das. Solche Augenblicke, wenn draußen Lärm und drinnen Stille ist. Sie hören das „Bitte zurückbleiben“ der Lautsprecherstimme. Es geht sie nichts an. Jetzt sind sie nicht mehr ungeduldig. Möchten reden, alles sagen, den Zug anhalten, alles rückgängig machen. Noch einmal von vorne anfangen. Aber der Zug ist schon angefahren.
Der Zurückbleibende tritt zurück und hebt mechanisch die Hand, während die Waggongs immer schneller an ihm vorbeirattern und der am Fenster kleiner wird, kleiner und weiter weg und noch weiter, bis er nicht mehr zu unterscheiden ist von den anderen an den Fenstern.
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Katja Behrens
is ein Vorwort in einem Buch, ist nur der erste Teil davon aba ich finds Klasse....