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Leuchtende Menschen (16 - Ende)

von EimoH


Sie saßen im Bus nebeneinander. Die Häuser und Straßen zogen an ihnen vorbei und Luzi spürte Lydias Wärme neben sich. „Ich habe auch nochmal darüber nachgedacht, was du gesagt hast über Menschen, die leuchten, wenn sie kämpfen.“, sagte Luzi nach einer Weile. „Ich stimme dir zu. Und ich glaube auch, dass du recht damit hast, dass auch unsere Blicke nicht auf alle leuchtenden Menschen gleichermaßen fallen. Manche werden gesehen, wenn sie kämpfen, und manche nicht. Wahrscheinlich viele nicht.“ Lydia nickte nachdenklich. „Aber es gibt auch einen Aspekt, in dem ich dir widersprechen möchte.“ Nun sah Lydia sie interessiert an, mit einem verschmitzten Lächeln in den Augen. „Ich höre.“ Luzi räusperte sich. Lydia schaffte es immer wieder, sie mit ihren Blicken nervös zu machen. „Ich denke schon, dass alle Menschen leuchten können. Aber nicht alle reagieren so auf Ungerechtigkeiten wie manche, die alles zu geben bereit sind, bis die Unterdrückung bekämpft ist, bis Menschen befreit sind oder Tiere oder die Natur.“ „Alles zu geben bereit?“, fragte Lydia ruhig nach. „Nicht alles. Ich weiß nicht. Manche Menschen sind bereit zu kämpfen, als könnten sie nicht anders, von dem Moment an, da sie von einer Ungerechtigkeit erfahren haben.“ Lydia nickte, so sprach Luzi weiter: „Und diese Menschen leuchten dann irgendwie besonders, oder?“ Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander und sahen zum Fenster hinaus, dann sprach Lydia endlich ihre Gedanken aus, auf die Luzi schon gespannt war. „Manche Menschen kämpfen, weil es eben notwendig ist. Und manche Menschen kämpfen nicht, obwohl es notwendig ist. Das Leuchten, könnte man sagen, es ist das Feuer von Wut? Denn dann könnten wir überlegen, warum manche Menschen so wütend werden und manche nicht. Und ich denke wirklich, dass die Gründe für die Wut da sind, real und schmerzlich. Ich staune nicht über die Wut der Menschen um mich herum. Ich staune, warum so viele Menschen nicht wütend sind.“ Luzi sah Lydia verblüfft an, als diese sie nun sacht anlächelte. „Ich verstehe, was du meinst. Manche Menschen leuchten und es ist wunderschön. Aber es ist auch gefährlich. Sophie Scholl wurde hingerichtet, da war sie 21 Jahre alt. So viele sterben im Widerstand. Und ohne dich angreifen zu wollen, ist es interessant, dass immer Sophie Scholl das Beispiel von Deutschen für Widerstandskämpfe ist. Das zeigt auch, wer sichtbar ist.“ Lydia machte eine kurze Pause und fuhr dann fort. „Und dann ist es auch noch so ungerecht, dass manche Menschen sich entscheiden können, ob sie kämpfen oder nicht, und andere müssen kämpfen, um zu überleben. Es ist heroisch, wenn Leute nicht kämpfen müssen und es trotzdem tun, aber dieses Held*innentum ist mit Privilegien verbunden, das sollte man nicht vergessen. Kämpfe aus Wut sollten nicht mehr gesehen werden als Kämpfe aus Angst, auch wenn Angst vielleicht nicht so schön ist wie Wut.“ Luzi war unbehaglich zumute und sagte: „Ich wollte nicht sagen, dass ich das Held*innentum von Privilegierten schön finde. Und ich kenne viele andere Aktivistinnen, ich habe letztens viele Artikel über Sarah Hegazi gelesen oder Audre Lorde oder Marsha P. Johnson oder -“ „Ich weiß.“, erwiderte Lydia sanft und Luzi konnte ihr mit einem Blick in ihre Augen glauben. „Es fällt mir nur beim Thema Sichtbarkeit von Kämpfen auf. Und selbst wenn du all diese Aktivistinnen nicht kennen würdest, ginge es dir eben wie vielen von uns. Der Diskurs über Widerstandskämpfe ist nicht frei von Unterdrückung. Das Wichtigste ist ja, sich dessen bewusst zu werden und zu versuchen, es nicht wieder zu reproduzieren.“ Luzi nickte. „Und ich frage mich wirklich, warum der Funke der Wut manche Leute so heiß brennen lässt dafür, ihre Stimme zu erheben gegen die Ungerechtigkeiten unserer Zeit, und an manchen Menschen der Funke so einfach abzuprallen scheint.“ „Der Feind der Wut ist die Angst, oder? Angst, nicht überleben zu können, lässt kämpfen. Angst, nicht so weiterleben zu können wie zuvor, lässt Wut ersticken.“ Lydia erwiderte: „Du denkst, Leute sind einfach feige?“, und lachte. Luzi merkte, dass die Stimmung ihres Gespräches sehr ernst geworden war und war froh, in Lydias belustigtes Lachen miteinstimmen zu können. „Du bist doof, so habe ich das nicht gesagt!“, hielt sie dagegen und schubste Lydia leicht mit ihrer Schulter an. „Ok, was hast du dann gesagt?“, lachte Lydia herausfordernd. „Angst zu haben ist ja nicht gleich feige, du Blödi! Es kann ja auch Angst davor sein etwas zu verlieren, das man liebt. Ich habe manchmal Angst, dass ich kämpfe für meine Ideale und dann wird es schlimmer als zuvor.“ Lydia nickte sehr. „Oh ja, diese Angst habe ich manchmal auch. Ich sage mir dann, dass es so, wie es gerade ist, zu schlimm ist für viele Menschen. Es ist ja kein guter Zustand, den wir auf’s Spiel setzen, wenn wir die Welt verändern wollen. Es muss sich etwas verändern, weil es so nicht bleiben darf. Aber dafür müssen alle kämpfen.“ Lydia seufzte und Luzi sagte: „Ich denke, dass manche Menschen denken, wir wollen die Welt verändern und ihnen nehmen, was sie lieben, dabei wollen wir doch die Welt so verändern, dass alle glücklich sein können.“ „Naja, aber es gibt auch Menschen, die manche ihrer Privilegien abgeben müssen. Es gibt Privilegien, die sind nur möglich durch Unterdrückung.“ Lydia sah ernst zu Luzi hinüber, aber die grinste nur darüber. „Hey Leute“, rief sie etwas lauter, als würde sie zu einer imaginären Menschenmenge um sich herum sprechen, „das Leben kann auch ohne Unterdrückung schön sein.“ Lydia prustete los. „Du bist eine hoffnungslose Idealistin!“ Auch Luzi lachte. Es gefiel ihr mit Lydia zu diskutieren. Und es gefiel ihr, Lydia zum Lachen zu bringen. Und ihr gefiel das Gefühl, Lydia zu gefallen, und dieses Gefühl gab Lydia ihr, so wie sie sie jetzt mit einem feurigen Blick betrachtete, unter dem Luzi nun doch ein wenig verlegen wurde. „Die nächste müssen wir raus.“, sagte Lydia und stand auf. Luzi folgte ihr. Sie stiegen aus und Luzi erkannte die Gegend, auch wenn sie hier selten war. Mittlerweile begann der gelbliche Himmel Abendstimmung zu verbreiten und Luzi bemerkte, dass sie langsam hungrig wurde. „Wollen wir uns hier noch etwas zu Essen holen?“, fragte Luzi und deutete auf eine Pizzeria an der gegenüberliegenden Straßenecke. „Pizza? Ja gern!“ Wenig später führte Lydia Luzi mit zwei Pizzen in den Händen in eine Kleingartenanlage, die untypisch verwildert und dadurch geradezu verwunschen aussah. „Wir haben Glück. Der Vorstand dieser Anlage ist ziemlich laissez-faire, auch wenn wir natürlich Obst und Gemüse anbauen müssen. Aber das wollten wir eh.“, erzählte Lydia und führte Luzi durch ein Labyrinth aus Gärten. „Da sind wir.“ Lydia öffnete ein kleines Türchen und winkte Luzi herein. Der Garten war verwinkelt und hatte viele Bäume. Die Beete waren kreuz und quer angelegt, aber es sah fruchtbar und einigermaßen gepflegt aus. Sie folgten einem kleinen steinernen Weg zu einer Wiese, in deren Mitte es eine Feuerstelle gab. Daneben standen ein paar Campingstühle und sogar ein Himmelbett aus verschnörkelten Metallstangen. Überall in diesem Garten gab es kleine selbstgebaute Dinge, Tischchen, Rankhilfen, Kerzenständer und Vogeltränken und Insektenhotels. Es sah toll aus. „Wow, es ist wunderschön!“ Lydia strahlte. „Freut mich, dass es dir gefällt!“ Sie schloss die kleine heruntergekommene Hütte auf und holte Gläser und Wasser von drinnen. Dann machten sie es sich auf zwei Campingstühlen bequem und stürzten sich auf die Pizzen. Als sie sich satt gegessen hatten, gab Lydia Luzi eine ausführliche Führung durch den Garten. Dabei dachte sich Lydia kleine Geschichten aus, die unmöglich stimmen konnten, erzählte von riesiger rote Beete so groß wie Kürbisse, von Nachbarskindern, die einen Piratenschatz im Kartoffelbeet gefunden hatten, von Wildschweinen, denen ihre Möhren nicht saftig genug gewesen waren und ihnen einen Beschwerdebrief hinterlassen hatten. „Die wahren Geschichten sind spannend genug für mich, Lydia!“ „Du meinst ich lüge? Aber nein, das ist alles wahr!“ Die Sonne näherte sich dem Horizont und damit strich eine kühle Brise über sie hinweg. „Hast du Lust, dass wir ein Lagerfeuer machen?“ „Unbedingt!“ Luzi wollte, dass dieser Tag nie endete. Lydia entzündete ein kleines Feuer und sie trugen Feuerholz von der Terrasse herüber, das sie neben dem Feuer stapelten. Erst rauchte das kleine Feuer nur, doch dann breiteten sich die Flammen aus über das trockene Gestrüpp, mit dem Lydia das Feuer fütterte und der Lichtschein verbreitete augenblicklich Wärme. Luzi ließ sich auf das Himmelbett nieder, das nah der Feuerstelle stand und beobachtete Lydia, die in dieser Umgebung viel weniger ernst und gradlinig wirkte. Dann kam Lydia auf sie zu und setzte sich neben sie. „Du frierst, oder? Warte, wir haben Decken in der Hütte.“ Lydia sprang auf, lief zur Hütte, verschwand kurz darin und kehrte mit einem Arm voller Decken zurück. Sie kuschelten sich auf das Bett. Kurz waren sie schüchtern, doch dann setzten sie sich dicht nebeneinander und legten die Decken über sie beide. Dann sahen sie ins Feuer und genossen den Moment. Die Sonne war untergegangen und nun erschienen die ersten Sterne am Himmel. „Es wird wohl eine sternenklare Nacht.“, sagte Lydia mit dem Blick nach oben gerichtet. „Das ist schön, bedeutet aber auch, dass es ziemlich kalt werden könnte.“ Sie richtete ihren Blick auf Luzi, die Lydia immerzu anschaute, bemüht alles wahrzunehmen, was Lydia hier tat und sagte. Das Feuer knackte laut neben ihnen und die Flammen warfen ihr flackerndes Licht auf ihre Gesichter. Sie sahen sich an und Lydia beugte sich langsam zu ihr. Ihr Blick bewegte sich zwischen Luzis Augen und ihren Lippen hin und her, als wollte sie erkennen, was Luzi dachte. „Wie fühlst du dich?“, fragte sie leise. Luzi lächelte und hauchte ein „Sehr gut.“ als Antwort. „Und du?“ „Ich auch.“ Auch Lydia lächelte. „Ich würde dich unheimlich gern küssen, Luzi.“ Luzis Herz klopfte aufgeregt und sie fuhr sich wie als Reflex mit ihrer Zunge über die Lippen und sah, dass Lydia das gebannt beobachtete. „Ich dich auch.“ Als hätte sie nur auf Luzis Antwort gewartet, beugte sich Lydia nun zu ihr, aber es war kein großer Abstand zu überwinden gewesen, und legte sanft ihre Lippen auf Luzis. Luzi stockte der Atem vor Aufregung. Sie schloss die Augen und fühlte nur noch Lydias Mund auf ihrem. Lydias Lippen fühlten sich toll an und Lydia küsste sie immer wieder, küsste ihren Mundwinkel und ihre Wange, nur um sofort wieder zu ihren Lippen zurückzukehren. Und Luzi küsste Lydia, biss ihr zart in die Unterlippe, küsste Lydias geschwungenen, zarten Mund wie berauscht, öffnete ihre Lippen und als ihre Zungen sich berührten, entfuhr Lydia ein leises Seufzen. Luzi bekam eine Gänsehaut davon. Endlich konnte sie loslassen und all dem nachgeben, wonach sie sich an diesem Tag immer wieder gesehnt hatte, als Lydia ihr so nah gewesen war. Sie atmete Lydias Duft ein und spürte die Wärme ihrer Lippen auf ihren. Lydia löste sich aus dem Kuss und sah Luzi voller Verlangen an, während diese ihren Blick nicht von diesem wunderschönen Mund abwenden konnte. Mit einer sanften Handbewegung schob Lydia Luzi zur Kopfseite des Bettes, sodass sie sich daran anlehnen konnte, zog die Decken beiseite und setzte sich auf Luzis Schoß. Alles in Luzi rauschte und ihre Münder fanden sich, küssten sich immer gieriger und sie ließen ihre Hände über Arme, Gesichter, Rücken und Schenkel wandern. Wie um wieder zu Atem zu gelangen, lehnte sich Lydia ein Stück zurück und sie lächelten einander an. „Ich habe mir schon so oft vorgestellt dich zu küssen.“, flüsterte Lydia. „Deine Lippen sind so schön.“, hauchte Luzi und Lydia lachte leise. Sie küsste Luzi und sah sie dann wieder an. „Ich finde, du bist eine atemberaubend schöne Frau, Luzi.“ Luzi schüttelte leicht den Kopf über so ein intensives Kompliment und konnte nichts sagen. Sie lächelte Lydia an und diese legte ihre Hände um ihr Gesicht und zog sie in einen intensiven Kuss. So küssten und streichelten sie sich, bis Luzi die Beine einschliefen. Sie lachten, Lydia fiel fast aus dem Bett, weil sie sich in den Decken verhedderte und sie lachten noch mehr. Dann legte Lydia mehr Holz auf das Feuer, das hungrig daran emporzüngelte. Sie legten sich nebeneinander auf das Bett und die Decken über sich und dann küssten sie sich, flüsterten sich kleine Beschwörungen zu, strichen mit Fingerspitzen schüchtern über nackte Haut, sahen zu dem beeindruckenden Sternenhimmel empor, ließen aber sogleich wieder von ihm ab, um sich zu küssen. Erst als das Feuer niedergebrannt war und ihnen wirklich kalt wurde, machten sie sich auf den Heimweg, wobei sie sich gegenseitig immer wieder in stürmische Küsse zogen. „Magst du mit zu mir kommen?“, fragte Lydia als sie die Straße erreichten. Sie sah Luzi aufmerksam an und ergänzte: „Das ist keine Frage nach Sex, nur mein Wunsch, dass dieser Abend einfach nicht enden soll.“ Lydia errötete leicht und sah Luzi nun schüchtern entgegen. „Ich möchte sehr gern mit zu dir kommen.“, antwortete Luzi.

ENDE



copyright © by EimoH. Die Autorin gab mit der Veröffentlichung auf lesarion kund, dass dieses Werk Ihre eigene Kreation ist.



Kommentare


Vielen Dank für diese tolle Story.
Vielen Dank für diese tolle Story.
Sandy62 - 05.05.2022 06:49

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