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Verlangen (26)

von Any1217


Thomas stand wie angewurzelt da und starrte mich an. In seinem Blick lagen Wut und Enttäuschung. „Du solltest dir vielleicht etwas anziehen, Lena", sagte er leise und verschwand in die Küche.


Panik stieg in mir hoch. Schnell sammelte ich meine Klamotten und ging ins Bad, um mich frisch zu machen. Was würde jetzt kommen? Das schlechte Gewissen, welches ich zuerst dachte verloren zu haben, schlich sich wieder ein. Wie konnte ich nur denken, es würde nun alles einfacher werden?

Ich hatte mit meinem Handeln die Ausgangssituation um ein wesentliches erschwert. Meine Verhandlungsposition – wenn man es denn so nennen wollte – war nun nicht mehr die beste. Dabei wusste ich doch, dass ein klärendes Gespräch anstand, welches die Weichen für meine, als auch die Zukunft meiner Familie stellte.

Zwar wusste Thomas, dass ich mich in Marie verliebt hatte, aber es so offensiv anzugehen, war nicht richtig. Dabei fing diese Woche doch ganz einfach mit einem Abendessen an. Es war nie geplant, dass Marie eine Art Probelauf zum Zusammenwohnen startete. Und doch kam es so. Mit dem Ergebnis, Thomas noch mehr enttäuscht und verletzt zu haben.

Ich ließ mir viel Zeit im Bad und ging nur sehr langsam die Treppe hinunter in die Küche. Mit gesenktem Blick trat ich ein. Thomas stand mit dem Rücken zu mir, auf die Arbeitsfläche gestützt da. „Ich weiß wirklich nicht, wie es so weit kommen konnte", setzte er an, ohne mich anzusehen. „Nie im Leben hätte ich das alles für möglich gehalten. Alleine, dass du mich hintergehst...", seine Stimme wurde brüchig und es dauerte eine ganze Weile, biss er erneut ansetzte.

Ohne seinen Blick vom Fenster abzuwenden, fuhr er fort: „Ich werde den Job annehmen. Ich muss auch an mich denken. Mir liegt viel daran, aber für dich hätte ich ihn abgelehnt. Und du.. Was machst du mit meinem Verständnis, meinen Gefühlen, meinem Vertrauen zu dir? Du trittst es mit Füßen, hintergehst und belügst mich". Ein Schluchzen unterbrach ihn erneut. Seine Schultern zuckten auf und ab.

In mir zog sich alles zusammen. Er hatte recht. Es gab nichts, was ich hätte erwidern können. Ich weiß nicht warum, aber in diesem Moment wurde mir erst richtig bewusst, wie sehr ich Thomas verletzt hatte. Ihn weinend an der Arbeitsfläche stehen zu sehen, enttäuscht und verzweifelt, trieb mir selbst die Tränen in die Augen.

Natürlich war mir von Anfang an bewusst, dass es Thomas verletzen würde. Aber erst jetzt wurde mir das Ausmaß bewusst und ich konnte realisieren, was ich angerichtet hatte. Thomas, der sonst so unbeirrbar und stark war, stand vor mir zusammengesunken und schluchzend. Einst liebte ich ihn und auch, wenn diese Gefühle nicht mehr vorhanden waren, mochte ich ihn noch. Ihn so zu sehen, trieb auch mir die Tränen in die Augen. Ein tiefes Gefühl der Reue ergriff mich und kurz wünschte ich mir, Marie nie kennen gelernt zu haben.

Aber was geschehen ist, ist geschehen. Thomas schien sich langsam wieder zu beruhigen, denn das schluchzen verstummte. Mit nasaler Stimme sagte er: „Ich habe meinem Chef bereits zugesagt. Ich weiß nicht, was du dir gedacht hast. Meine Entscheidung ist gefallen". Seine Stimme wurde mit jedem Wort fester und ich merkte, dass es sein ernst war.

Erst jetzt bemerkte ich, dass auch ich weinte. Nur langsam sickerte die Bedeutung von Thomas Worten zu mir durch. Er hatte den Job in der weit entfernten Stadt angenommen. Nachdem ich nichts erwiderte, drehte sich Thomas langsam um. Ich hob den Blick und sah ihm in die Augen, welche vom Weinen gerötet waren. „Was ist mit Mia?", fragte ich, ohne mir vorher Gedanken über die Frage zu machen.

„Das liegt in deiner Hand. Ich werde alles tun, um sie oft zu sehen. Da die Stadt, in der ich arbeiten werde allerdings weit entfernt ist, wird das nicht so oft sein, wie ich es mir wünschen würde. Du kennst jetzt meine Pläne – ob du mit kommst oder nicht, liegt bei dir. Denk aber bitte auch an Mia. Denk vor allem an sie. Denn ich scheine dir ja egal zu sein", sagte er verbittert und ich sah seine Unterlippe zittern, ehe er sich wieder dem Fenster zuwandte.

Ich hatte Mia versprochen, dass sie ihren Vater weiterhin oft sieht. Dieses Versprechen wollte ich nicht brechen. Ich wollte und konnte es nicht. Denn ich wusste, wie viel Mia ihr Vater bedeutete und wie wichtig es für sie war, ihn um sich zu haben. Aber was hieß das nun für mich? Wenn ich dieses Versprechen halten wollte, musste ich mit Thomas von hier weg ziehen.

Aber mit ihm in einem Haus konnte ich unmöglich leben. Ich würde mir eine Wohnung suchen müssen. Auch würde ich mich nach einer neuen Arbeit umsehen müssen und definitiv wieder mehr als die paar Stunden in der Woche arbeiten, wie es jetzt war. Sonst würde ich mir eine eigene Wohnung wohl kaum leisten können. Warum hatte ich an all das vorher nie gedacht? War meine Sicht durch meine Verliebtheit so vernebelt, war ich zu kurzsichtig in diesem Nebel? Ich denke ja, denn selbst wenn Thomas hier geblieben wäre, hätte ich nicht mehr mit ihm zusammen wohnen wollen und können. Vielleicht wäre ich zu Marie gezogen? Hätte sie das überhaupt gewollt und wäre es mit Mia möglich gewesen? Wahrscheinlich nicht, dafür war die Wohnung viel zu klein.

Aber Marie und ich hätten das schon irgendwie hinbekommen. Marie. Abgesehen von all den anderen Umständen, die es noch zu klären galt, war da noch Marie. Die Frau, in die ich mich verliebte und wegen der ich in diese missliche Lage gelangte. Würde eine Fernbeziehung funktionieren? Würde sie mit kommen? Ich musste unbedingt mit ihr sprechen, ich wusste nicht, wo mir der Kopf stand. Was ich allerdings wusste war, dass es jetzt definitiv nicht der richtige Zeitpunkt war, um zu Marie zu gehen. Monoton sagte ich: „Ich werde mit kommen, aber nicht mehr mit dir zusammen wohnen. Es tut mir leid". Mit diesen Worten verschwand ich ins Schlafzimmer und sank weinend ins Bett.

In den nächsten Tagen, meldete ich mich nicht bei Marie, obwohl sie mich immer wieder anrief oder schrieb. Ich las die Nachrichten noch nicht einmal. Bevor ich mit Marie sprechen konnte, musste ich mir erst selbst klar über die neue Situation werden. Da es keine guten Nachrichten für sie sein würden, scheute ich vor einem Gespräch mit ihr zurück. Auch wenn das feige und ihr gegenüber nicht fair war. Aber ich konnte einfach nicht anders.

Rüber kam sie glücklicherweise nicht, vermutlich hatte sie Angst vor einem Zusammentreffen mit Thomas. Was definitiv nicht unbegründet war, denn auch wenn Thomas nichts sagte, bemerkte ich seine hasserfüllten Blicke, wenn Mia nach Marie fragte.

Mia wusste nichts von unserem Gespräch. Zwar hatten wir ihr bereits erklärt, dass wir umziehen werden, aber bisher konnte sie das alles noch nicht so richtig einschätzen. Da wir uns seit meinem Gespräch mit Thomas, nicht mehr mit Marie getroffen hatten – obwohl Mia nun wusste, dass ich sie liebe – fragte sie immer wieder, wann wir was zusammen machen könnten. Ich vertröstete sie immer aufs Neue.

Mit Thomas sprach ich nur das nötigste, wir gingen uns beide aus dem Weg. Immer wieder suchte ich nach Wohnungen und Stellenangeboten in der fremden Stadt. Bis ich schließlich eine erschwingliche 2-Zimmer Wohnung in der Nähe der Schule, die Mia besuchen würde, fand. Ich vereinbarte einen Besichtigungstermin für die kommende Woche. Da der Vermieter ein Bekannter des Chefs von Thomas war, sagte dieser mir zu, sollte mir die Wohnung gefallen. Einen neuen Job zu finden, gestaltete sich schon etwas schwieriger. Aber noch war ich guter Dinge – vorerst würde es vielleicht auch so gehen.

Ich war so sehr mit mir selbst beschäftigt, dass ich mich erst nach vollen 8 Tagen dazu durch rang, die Nachrichten von Marie zu lesen. Als ich Abends alleine im Bett lag – Thomas verbrachte die Nächte im Büro, in dass er sich ein Gästebett gestellt hatte – nahm ich mir mein Handy zur Hand und las die Nachrichten.

Anfangs waren es besorgte Nachrichten, sie fragte, was passiert war und wie es mir gehen würde. Dann wurden die Nachrichten fordernder, sie wollte wissen, was passiert war und wie es jetzt weiter gehen würde. Schließlich schlugen sie um in Enttäuschung, dass ich mich nicht mehr meldete und ich glaubte Wut heraus lesen zu können. Mein Herz setzte einige Schläge aus, als ich die letzte Nachricht las: „Was auch immer vorgefallen ist, du weißt, dass du mit mir reden kannst. Aber wenn du dich nicht mehr meldest, scheine ich dir ja nicht so wichtig zu sein wie ich dachte. Vielleicht ist es besser, wenn du dich gar nicht mehr meldest". Diese Nachricht war schon 3 Tage alt, weitere Nachrichten gab es nicht. Auch hatte sie ihre Anrufversuche eingestellt. Warum war mir das nicht schon vorher aufgefallen? Verdammt.

Schnell tippte ich eine Nachricht: „Wenn du Zeit hast, komme ich rüber". Vergeblich wartete ich auf eine Antwort. Ich schlief schlecht und träumte wirres Zeug. Immer wieder überprüfte ich meine Nachrichten, wenn ich Nachts hoch schreckte. Doch auch am nächsten Morgen, hatte ich keine Nachricht von Marie erhalten.

Erst am Nachmittag vibrierte mein Handy und ich hätte mir beinahe das Bügeleisen auf die Hand fallen lassen, so sehr erschrak ich. „Ah, hat Madame also doch noch etwas mit mir zu bereden? Dann komm rüber, bin jetzt zu Hause", kam die schnippische Antwort von Marie. Einerseits war ich erleichtert, dass sie mir antwortete, andererseits machte mir die Antwort Angst. Sie war wütend auf mich und das aus gutem Grund.

Ich beeilte mich, fertig zu werden und ging aufgeregt, mit schlechtem Gewissen und Unbehagen rüber zu Marie. Nun musste ich ihr erklären, dass ich weit weg ziehen würde – Mia zu liebe. Ich hoffte inständig, dass sie das verstand. Vielleicht gab es ja dennoch Hoffnung für uns. Ich liebte Marie, aber Mia liebte ich mehr. Vorsichtig klingelte ich und trat auf das Surren der Tür hin ein. Mein Herz klopfte wie wild, als ich Marie in der Wohnungstür stehen sah – doch ihr Blick war kalt und in ihrem Gesicht lag kein Ausdruck.



copyright © by Any1217. Die Autorin gab mit der Veröffentlichung auf lesarion kund, dass dieses Werk Ihre eigene Kreation ist.





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