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Leben ohne Zeitverlust von Erich Kästner

23.05.2009 17:58
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Ich habe dieses Gedich erst kürzlich zum ersten mal gehört, und mich sofort verliebt... wie gefällt es euch?

Erich Kästner

Das Leben ohne Zeitverlust

Tangorhythmen, langsam, sinnlich
Der Vortrag der sehr elegant und ebenso offenherzig gekleideten Chansonette muß sein: blasiert bis zum Zynismus; wenn angebracht, von parodistischer Innigkeit: von der Mitte der letzten Strophe ab von kalter, fast zu Bewunderung nötigender Ehrlichkeit.

Manche Frauen lieben kranke, blasse Dichter. Dagegen hab ich nichts.
Manche Frauen glühn beim Anblick roter Mordgesichter.
Dagegen hab ich nichts.
Andre Frauen lodern auf bei jungen Männern.
Wieder andre ludern gern mit kalten Kennern.
Dagegen hab ich nichts.
Mein Herz hat mehr als eine offne Tür.
Deshalb hab ich nichts dagegen,
doch ich hab auch nichts - dafür!

Ich hab mein Leben lang nur einen Mann geliebt.
Und ich hab Glück gehabt, daß es ihn gab und noch gibt.
Ihm bin ich zugetan, ob es Tag oder Nacht ist.
Ich liebe stets den Mann, der gerad an der Macht ist!
Ob er nun Staatsmann ist, ob Börsenheld, ob Krieger, -
ich liebe den Sieger! Drum kann geschehn, was will: Ich liege immer richtig!
Und bei der Liebe ist das besonders wichtig!
Man hat mich im Verdacht, ich liebte das Neue.
O nein, - ich lieb nur die Macht und halt ihr die Treue!

Wen ich liebe, der kann schön sein wie ein Wandbild. Dagegen hab ich nichts.
Oder er kann groß und schwer sein wie ein Reiterstandbild.
Dagegen hab ich nichts.
Er kann alt und kahl und sparsam im Verbrauch sein. Bös und bauchig kann er selbstverständlich auch sein.
Dagegen hab ich nichts.
Er darf auch wild sein wie ein junger Stier.
Ich hab wirklich nichts dagegen, doch ich hab auch nichts - dafür!

Nur, mächtig muß er sein!
Dann steigt in mir die Flut...
Dann wirft ein einz'ger Blick mir rote Fackeln ins Blut...
Ich brenne wie ein Wald, wenn mein Herz erst entfacht ist...
Dann hab ich Temp'ratur, ob es Tag oder Nacht ist!

Er mag ein Henker sein, ein Teufel oder Tiger,-
dann ist er der Sieger!
Drum kann geschehn, was will:
Ich liege immer richtig!
Und heutzutage ist das besonders wichtig!

Ich bin ein schwaches Weib.
Ich kenne keine Reue. Und wer die Macht verliert, verliert meine Treue!

Wer die Macht verloren hat, soll untergehen.
Dagegen hab ich nichts.
Wenn er will, kann er auch zitternd um Erbarmen flehen.
Dagegen hab ich nichts.
Meintwegen kann er Memoiren schreiben oder sich erschießen oder leben bleiben.
Dagegen hab ich nichts.
Die neuen Männer träumen schon von mir!
Deshalb kann's mir einerlei sein, ob er tot ist oder hier.

Nun ja, die Erde ist ein großer Wandelstern.
Und nach den neuen Herrn kommen noch neuere Herrn. . .
Bis schließlich Jener kommt, welcher stets an der Macht ist!
Er reißt mich in den Arm, ob's dann Tag, ob's dann Nacht ist!
Er wird kein Staatsmann sein, kein Schieber und kein Krieger, und trotzdem der Sieger.
Und auf dem Stein soll stehn:
»Nun liegt sie wieder richtig! In dieser Lage ist das besonders wichtig!
Es war nicht angebracht, daß sie etwas bereute. Sie liebte nichts als die Macht und tut es noch heute!

Die Chansonette blickt noch kurze Zeit kalt und ironisch lächelnd geradeaus; dann geht sie langsam und stolz ab.


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