Legenden über Leidenschaft
Sina kannte keine Tabus. Welche Spielart auch immer, sie probierte alles aus. Sie bewegte ihren perfekt proportionierten Körper mit der Selbstverständlichkeit einer sexuell erfahrenen Frau, und es mangelte ihr auch nicht an Ideen, die Abwechslung in ihr Liebesleben brachten. Sie war jung und mutig und machte es im Freien, im Keller und im Treppenhaus. Ich wusste, dass Sina eine Erfindung war, aber ich hätte alles dafür gegeben, auch nur einen Tag lang so zu sein wie sie.
„So ein Schund.“ schimpfte ich leise. Ich legte das Buch beiseite, nahm die Brille ab und löschte das Licht. Steffi schlief meistens schon, während ich noch las bis mir die Augen zufielen.
Romane, in denen Frauen wie Sina die Hauptrolle spielten, waren der Ort, in dem die Phantasien Wirklichkeit wurden, die ich mit Steffi längst abgeschrieben hatte. Vielleicht verlangte ich zuviel.
„Unsinn.“ meinte meine beste Freundin Bine bestimmt. „Sex ist Kommunikation. Wenn ihr euch in dieser Sprache nicht mehr unterhalten könnt, ist es vorbei.“
Das glaubte ich nun auch wieder nicht. Dafür ging Bine einer anderen Art von Kommunikation viel zu oft aus dem Weg. Ehe sie sich mit den eher unangenehmen Eigenschaften ihrer Liebhaber auseinandersetzte, beendete sie das Ganze lieber ganz schnell. Ich war kein Moralapostel, aber für mich war das keine Option. Zu stressig. Steffi war für mich da, wenn ich sie brauchte. Sie war zärtlich. Sie verstand sich mit meiner Mutter. Sie ging für mich einkaufen, wenn ich keine Zeit dafür hatte. Wir teilten uns die Hausarbeit und alle Sorgen. Ich hatte überhaupt keinen Grund, mich zu beklagen.
Steffi und Steffi, für unsere Freundinnen waren wir zur Einheit verschmolzen: die Steffis. Wir waren nur wer, wenn wir wir waren. Ging die eine oder die andere mal allein auf eine Party, wurden wir garantiert zuerst nach dem Verbleib der anderen gefragt.
Das Klischee besagt, dass Frauen genau wissen, was die andere will, intuitiv, ohne ein Wort. Die Wahrheit ist, dass dies ein Märchen ist, an das die meisten Frauen noch immer glauben. Sie lesen Sinas Geschichte und fühlen sich unzulänglich.
Ausnahmen bestätigen die Regel. Ach apropos, die spielt natürlich auch eine Rolle. Zwei Menstruationszyklen unter einen Hut zu bekommen, kann auch so manchen leidenschaftlichen Moment unter einer Wärmflasche begraben.
Mit Steffi hatte alles anders werden sollen. Sie lag neben mir und schnarchte leise. Die Leidenschaft, sie war doch dagewesen. Damals im Zelt, drei andere Frauen neben uns, wir wähnten sie schlafend. Die glühende Hitze ließ uns füreinander schmelzen.
Im Schlafsack waren wir noch zwei Einzel-Steffis. Bald schon lohnte es sich nicht mehr, zwei Wohnungen zu haben, wenn ohnehin stets eine bei der anderen schlief. Mitbewohnerinnen störten plötzlich, weil die Zweisamkeit soviel Platz beanspruchte. Dass auch der Freundeskreis kleiner geworden war, merkten wir erst viel später.
Immerhin hatte ich noch Bine. Und Bine hatte sich schlau gemacht. Sie drückte mir einen Katalog mit Sexspielzeug speziell für Frauen in die Hand und erwartete, dass ich begeistert darin blätterte.
Ich verschwieg ihr, dass wir einen motorisierten Silikondelfin besaßen, der lustig aussah, unser Sexualleben aber nur vorübergehend verändert hatte. Ich verriet ihr dennoch, dass der Mangel an Penisersatzteilen nicht unser Problem war, und Bine seufzte resigniert.
Sie hatte ja recht. Vielleicht wollte ich gar nicht, dass sich etwas ändert. Steffi und Steffi, zwei ineinander verschlungene Seelen in embryonaler Löffelchenposition. Ich knabberte an ihrem Hals, hauchte ihr Albernheiten ins Ohr, die unsere Sprache geworden sind, Geheimcodes unserer Liebe. Ihr Geruch machte mich ruhig und bettschwer. Das Begehren schlief ein wie taub gewordener Körperteil.
Wozu hast du Kopf und Hände, denk dir selber etwas aus. Diese Philosophie, die einem schon im Kleinkindalter mit der Sesamstraße eingeflößt wird, brachte Bücher wie das über Sina hervor, vermutlich aus der Feder einer ähnlich verzweifelten Seele wie mir.
Es war nicht der Sex allein, der mir fehlte. Da hätte der Delfin tatsächlich Abhilfe schaffen können. Er war - das Vorhandensein von Batterien in unserem Haushalt einmal vorausgesetzt - ein verlässlicher Partner, ebenso wie die leichter ermüdenden Finger meiner linken Hand. „Sex schafft Nähe.“ Das war wieder so ein Spruch von Bine. Sich danach selig erschöpft in den Armen liegen, die Haut gerötet, alle Muskeln entspannt, dieses Bedürfnis konnte kein Plastiktier befriedigen.
Sicher hatten wir das Problem zur Sprache gebracht. Wir hatten über eine Paartherapie nachgedacht, aber nicht ernsthaft - zu teuer -, wir hatten mit hochroten Ohren Nancy Friday gelesen und unsere eigenen Phantasien aufgeschrieben für die andere. Es waren kurzfristige Hoch-Zeiten gewesen, in denen wieder alles zu sein schien wie früher, aber es wurde immer schwieriger, von den liebgewonnenen Gewohnheiten Abstand zu nehmen.
Es endete ganz profan: Steffi lernte auf einer Geschäftsreise eine andere Frau kennen und fand die Leidenschaft wieder, ihre. Die Steffis wurden nicht mehr in einem Atemzug genannt, der Freundeskreis rieb sich verwundert die Augen: Ihr wart doch ein Traumpaar.
Was mit meiner Leidenschaft geschah? Sie lebte, sie bekam wieder Luft. Und eines schönen Tages traf ich eine Frau, mit der nun alles anders sein sollte - oder ging das jetzt wieder von vorne los?
„So ein Schund.“ schimpfte ich leise. Ich legte das Buch beiseite, nahm die Brille ab und löschte das Licht. Steffi schlief meistens schon, während ich noch las bis mir die Augen zufielen.
Romane, in denen Frauen wie Sina die Hauptrolle spielten, waren der Ort, in dem die Phantasien Wirklichkeit wurden, die ich mit Steffi längst abgeschrieben hatte. Vielleicht verlangte ich zuviel.
„Unsinn.“ meinte meine beste Freundin Bine bestimmt. „Sex ist Kommunikation. Wenn ihr euch in dieser Sprache nicht mehr unterhalten könnt, ist es vorbei.“
Das glaubte ich nun auch wieder nicht. Dafür ging Bine einer anderen Art von Kommunikation viel zu oft aus dem Weg. Ehe sie sich mit den eher unangenehmen Eigenschaften ihrer Liebhaber auseinandersetzte, beendete sie das Ganze lieber ganz schnell. Ich war kein Moralapostel, aber für mich war das keine Option. Zu stressig. Steffi war für mich da, wenn ich sie brauchte. Sie war zärtlich. Sie verstand sich mit meiner Mutter. Sie ging für mich einkaufen, wenn ich keine Zeit dafür hatte. Wir teilten uns die Hausarbeit und alle Sorgen. Ich hatte überhaupt keinen Grund, mich zu beklagen.
Steffi und Steffi, für unsere Freundinnen waren wir zur Einheit verschmolzen: die Steffis. Wir waren nur wer, wenn wir wir waren. Ging die eine oder die andere mal allein auf eine Party, wurden wir garantiert zuerst nach dem Verbleib der anderen gefragt.
Das Klischee besagt, dass Frauen genau wissen, was die andere will, intuitiv, ohne ein Wort. Die Wahrheit ist, dass dies ein Märchen ist, an das die meisten Frauen noch immer glauben. Sie lesen Sinas Geschichte und fühlen sich unzulänglich.
Ausnahmen bestätigen die Regel. Ach apropos, die spielt natürlich auch eine Rolle. Zwei Menstruationszyklen unter einen Hut zu bekommen, kann auch so manchen leidenschaftlichen Moment unter einer Wärmflasche begraben.
Mit Steffi hatte alles anders werden sollen. Sie lag neben mir und schnarchte leise. Die Leidenschaft, sie war doch dagewesen. Damals im Zelt, drei andere Frauen neben uns, wir wähnten sie schlafend. Die glühende Hitze ließ uns füreinander schmelzen.
Im Schlafsack waren wir noch zwei Einzel-Steffis. Bald schon lohnte es sich nicht mehr, zwei Wohnungen zu haben, wenn ohnehin stets eine bei der anderen schlief. Mitbewohnerinnen störten plötzlich, weil die Zweisamkeit soviel Platz beanspruchte. Dass auch der Freundeskreis kleiner geworden war, merkten wir erst viel später.
Immerhin hatte ich noch Bine. Und Bine hatte sich schlau gemacht. Sie drückte mir einen Katalog mit Sexspielzeug speziell für Frauen in die Hand und erwartete, dass ich begeistert darin blätterte.
Ich verschwieg ihr, dass wir einen motorisierten Silikondelfin besaßen, der lustig aussah, unser Sexualleben aber nur vorübergehend verändert hatte. Ich verriet ihr dennoch, dass der Mangel an Penisersatzteilen nicht unser Problem war, und Bine seufzte resigniert.
Sie hatte ja recht. Vielleicht wollte ich gar nicht, dass sich etwas ändert. Steffi und Steffi, zwei ineinander verschlungene Seelen in embryonaler Löffelchenposition. Ich knabberte an ihrem Hals, hauchte ihr Albernheiten ins Ohr, die unsere Sprache geworden sind, Geheimcodes unserer Liebe. Ihr Geruch machte mich ruhig und bettschwer. Das Begehren schlief ein wie taub gewordener Körperteil.
Wozu hast du Kopf und Hände, denk dir selber etwas aus. Diese Philosophie, die einem schon im Kleinkindalter mit der Sesamstraße eingeflößt wird, brachte Bücher wie das über Sina hervor, vermutlich aus der Feder einer ähnlich verzweifelten Seele wie mir.
Es war nicht der Sex allein, der mir fehlte. Da hätte der Delfin tatsächlich Abhilfe schaffen können. Er war - das Vorhandensein von Batterien in unserem Haushalt einmal vorausgesetzt - ein verlässlicher Partner, ebenso wie die leichter ermüdenden Finger meiner linken Hand. „Sex schafft Nähe.“ Das war wieder so ein Spruch von Bine. Sich danach selig erschöpft in den Armen liegen, die Haut gerötet, alle Muskeln entspannt, dieses Bedürfnis konnte kein Plastiktier befriedigen.
Sicher hatten wir das Problem zur Sprache gebracht. Wir hatten über eine Paartherapie nachgedacht, aber nicht ernsthaft - zu teuer -, wir hatten mit hochroten Ohren Nancy Friday gelesen und unsere eigenen Phantasien aufgeschrieben für die andere. Es waren kurzfristige Hoch-Zeiten gewesen, in denen wieder alles zu sein schien wie früher, aber es wurde immer schwieriger, von den liebgewonnenen Gewohnheiten Abstand zu nehmen.
Es endete ganz profan: Steffi lernte auf einer Geschäftsreise eine andere Frau kennen und fand die Leidenschaft wieder, ihre. Die Steffis wurden nicht mehr in einem Atemzug genannt, der Freundeskreis rieb sich verwundert die Augen: Ihr wart doch ein Traumpaar.
Was mit meiner Leidenschaft geschah? Sie lebte, sie bekam wieder Luft. Und eines schönen Tages traf ich eine Frau, mit der nun alles anders sein sollte - oder ging das jetzt wieder von vorne los?