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Forum » News, Politik & Wissenschaft » ThreadSchwere Zeiten für mündige Zuschauer
07.01.2008 20:44
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0 Ein Spiel auf zwölf Nachrichtenkanälen von "Rimini-Protokoll" Nachrichtensendungen aus aller Welt kämpfen um Quoten und Köpfe. Sie alle versprechen, über das Geschehen der Welt zu informieren - und zwar unabhängig, neutral und objektiv. Dieses Versprechen will das Künstler-Kollektiv Rimini-Protokoll aufbrechen - mit den Mitteln der Kunst. "Breaking News" heißt ihr neues Experiment. Was rund um die Uhr, rund um den Globus gesendet wird, schalten sie zusammen. Eine theatrale Versuchsanordnung, jeden Abend neu. "Du guckst die Nachrichten vielleicht jeden Tag, aber das ist eher ein familiäres oder vereinzeltes Moment", sagt Daniel Wetzel vom Rimini-Protokoll. "Man lässt sich beeindrucken davon und gerät selten in die Situation, die Stopptaste drücken zu können, und - Moment - was erzählen die da? Und was erzählen die anderen?" Echte Cutter, Übersetzer und Journalisten Bei dieser babylonischen Konferenzschaltung drücken keine Schauspieler die Stopptaste: Es sind echte Cutter, Übersetzer und Journalisten. Auf der Bühne dolmetschen sie als "Experten des Alltags" dem Publikum, was die im Fernsehen erzählen. Von CNN bis Al Dschasira, von lateinamerikanischen bis zu isländischen Sendern: So sehr Bilder und Aufmachung einander ähneln, so unterschiedlich sind Schwerpunkte und Sprachregelungen. Walter van Rossum ist auf der Bühne Rimini-Experte, im Alltag ist er Journalist und Kritiker der deutschen Nachrichtenlandschaft. Unsere Nachrichten vermitteln uns ein Weltbild statt ein Bild von der Welt, so seine These. "Für mich ist das Wichtige nicht die Informationsleistungen von Nachrichtensendungen, sondern die Sprachregelungen, die sie verbreiten", sagt er. "Das heißt: Was sehen wir von der Welt. Was sehen wir nicht? Und wie sehen wir das, was wir sehen? Das sind Einweisungen in das Reale." Ob eine Militäraktion als "Angriff" oder "Einsatz" deklariert wird, orientiert sich am politischen Klima. Wertungen werden Wahrheiten, denn Nachrichten erklären uns die Welt. Die Öffentlich-Rechtlichen genießen dabei besondere Autorität. Eher emotional als faktisch verbreiteten deutsche Medien, Marco sei Justiz-Opfer, der iranische Präsident eine Art Atomteufel und Eva Hermann trüge den heimlichen Nachnamen "Braun" - Meinungsmacht statt Meinungsbildung. Jüngstes Beispiel: Nach dem Mord an Benazir Bhutto wurde uns mit beklemmender Einstimmigkeit erklärt, wie die pakistanische Politikerin einzuschätzen sei. Fakten für ein eigenes Urteil sind Mangelware. Ständig wiederholt wird: Benazir Bhutto, die Hoffnungsträgerin der Demokratie. Ihre Gegner, so wird uns gesagt, seien nur islamistisch Fanatisierte oder machthungrige Militärs. Nur in Nebensätzen abgehandelt, geglättet und verklausuliert wird ihre strittige Rolle als pakistanische Regierungschefin: Ein Auf und Ab. Bhuttos geostrategische Machtpolitik im Hindukusch, Vorwürfe, sie habe die Taliban in Afghanistan mit aufgebaut, politisch morden lassen und sich am Staatsvermögen bereichert, blieben in dieser Berichterstattung außen vor. Es sind schwere Zeiten für mündige Zuschauer. "Jetzt stellen Sie sich vor, in zehn Jahren fragen Sie Ihre Kinder: 'Sag mal, warum hast du eigentlich nicht gegen diesen Irak-Krieg protestiert?'", so Walter van Rossum. "'Das war doch auch im Fernsehen!' Und dann werden Sie merken, dass Sie im Fernsehen immer so viel gesehen haben, dass Sie darauf hätten reagieren müssen. Auch wenn Ihnen das Fernsehen die ganze Zeit sagt: Normal. Normal. Normal. Normal. Trotzdem gibt es soviel Information, dass Sie merken: 'Es kann nicht stimmen.'" Viele Sender ohne Durchblick Das Künstlerkollektiv Rimini-Protokoll will, dass wir gewohnte Blickwinkel verlassen, um Standpunkte entwickeln zu können: Wie viel Aufmerksamkeit sind wir bereit, einem Ereignis zu schenken? Und reicht es, fernzusehen, um eine eigene Meinung bilden zu können? "Das ist uns eher so gegangen bei dem Projekt, dass, ab dem Moment, wo du Journalisten dafür verantwortlich machst, dass sie da irgendwelche Fehler begehen, klammert man sich als Konsument aus", sagt Daniel Wetzel vom Rimini-Protokoll. "Und in dem Maße, in dem man selber bereit ist, Nachrichten permanent zu konsumieren - von der U-Bahn bis zur 'Tagesschau' - ist man Teil dieses Systems und auch Teil des Spektakels." Das Schauspiel "Breaking News" zeigt: Auch viele Sender schaffen keinen Durchblick. Man sieht dem nur Fernsehen zu, wie es die Welt beobachtet und um sie selber kreist. Quelle: 07.01.2008/Donya Ravasani (Kulturzeit)/3sat/Kulturzeit ----------- Tja. Was kann man da noch sagen (nicht zum Stück an sich, das habe ich nicht gesehen, sondern zum Inhalt, darum geht's mir).
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