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Versprengtes - weiterhin ...

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28.06.2019 19:25
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Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich, an einem kalten Wintertage, recht nahe zusammen, um, durch die gegenseitige Wärme, sich vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln; welches sie dann wieder von einander entfernte. Wann nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher brachte, wiederholte sich jenes zweite Übel; so daß sie zwischen beiden Leiden hin und her geworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten. - So treibt das Bedürfnis der Gesellschaft, aus der Leere und Monotonie des eigenen Innern entsprungen, die Menschen zu einander; aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler stoßen sie wieder von einander ab. Die mittlere Entfernung, die sie endlich herausfinden, und bei welcher ein Beisammensein bestehn kann, ist die Höflichkeit und feine Sitte. Dem, der sich nicht in dieser Entfernung hält, ruft man in England zu: keep your distance! (Wahren Sie den Abstand!) - Vermöge derselben wird zwar das Bedürfnis gegenseitiger Erwärmung nur unvollkommen befriedigt, dafür aber der Stich der Stacheln nicht empfunden. - Wer jedoch viel eigene, innere Wärme hat bleibt lieber aus der Gesellschaft weg, um keine Beschwerde zu geben, noch zu empfangen.

Arthur Schopenhauer

29.06.2019 23:49
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Glühend in mir von heftigem Ingrimm
Sprech ich voller Bitterkeit zu meinem Herzen:
Geschaffen aus Staub, Asche der Erde,
Bin ich dem Blatt gleich, mit dem die Winde spielen.

Wenn es die Art ist des weisen Mannes,
Auf Fels zu gründen sein Fundament:
Gleiche ich Tor dem Fluss, der dahinströmt,
Niemals im selben Lauf sich hält.

Ich treibe dahin wie ein Boot ohne Mann,
Wie auf luftigen Wegen der Vogel schweift.
Mich binden nicht Fesseln mich hält kein Schloss,
Ich such meinesgleichen, schlag mich zu den Lumpen.

Ein schwerer Ernst dünkt mich zu schwer.
Scherz ist lieblich und süßer als Waben.
Was Venus gebietet, ist wonnige Müh,
Niemals wohnt sie in feigen Seelen.

Die breite Straße fahr ich nach der Art der Jugend,
Geselle mich zum Laster, frage nichts nach Tugend.
Nach Sinnenlust dürstend mehr als nach dem Heil,
Will ich, an der Seele tot, gütlich tun dem Leib!


Estuans interius
aus den 'Carmina Burana'





editiert am 29.06.2019 23:50 Beitrag melden Zitatantwort
29.06.2019 23:55
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Ich nehme deine Hand.
Eine nach der anderen, küsse ich deine Fingerspitzen, von denen keine ihresgleichen hat.
Mittelfinger, Ringfinger, Zeigefinger, kleiner Finger, die flache Kuppe des Daumens.
Ihre unverwechselbaren Spuren an jeder Stelle meines Körpers.
Dann drücke ich meine Lippen in deine Handfläche,
erkunde mit der Zungenspitze das Delta zwischen Lebenslinie und Apollolinie,
dazwischen die Schicksalslinie, kreuzend die Herzlinie und die Kopflinie.
Danach küsse ich die Innenseite deines Handgelenks,
deinen Puls nur ahnend, dafür jedoch meinen eigenen Herzschlag fühlend, stärker jetzt.
Und ich frage mich, ob du ihn über meine Lippen spüren kannst.
Ich gebe dir einen Kuss in die Armbeuge, auf das zarte Blau der Vene unter der Haut,
die weicher ist als meine Lippen, so weich,
dass ein Gefühl unendlicher Zärtlichkeit mich überflutet.
Dann wandert mein Mund weiter aufwärts, zwei sanfte Hügel rechts liegen lassend,
bis ich mein Gesicht in deiner Achselhöhle vergrabe, die Augen schließe.
Ein Duft von tropischem Wald. Die Nähe warmer Tierkörper.
Eine Erinnerung an die Wiege der Menschheit.

Und blind sucht meine Rechte deine Seite.
Sucht deine Seite und orientiert sich am unteren Rippenbogen.
Findet von Dort den Weg zum Sonnengeflecht.
Ich spreize die Finger darüber.
Und entzückt hebe ich das heiße Gesicht,
suche deinen Blick und die Antwort,
ob du mir die Ewigkeit schenkst,
die ich brauchen werde
zum Zeichnen all der Wanderkarten,
der Weltkarten,
der Sternenkarten
dieses Universums,
das du bist.


Christa Hartwig




29.06.2019 23:57
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Setze dich an den Tisch, wenn's dir danach ist,
zu dichten. Denn es gilt nun, Mensch zu sein,
halte mit einer Hand das Papier, und fasse genau
was du denkst. Überlasse gar nichts dem Zufall
- gedenke, dass vor dir andere dies Geschäft besser bewältigt als du -
ein zusätzlicher Einfall gehört nicht zum ursprünglichen Text.
Ob gelungen oder nicht, jeder Vers ist ein Abbild,
wie dein eigener Name, geschrieben in Keilschrift.

Die Verse schreiben sich selbst, der Dichter ist ein Lehrling,
Experte der Kleckse und wütenden Striche,
und manchmal, am Blattrand, freizügig
setzen sie ihren Einfällen ein Denkmal; und immer
lauert zwischen den Zeilen ein kaum durchschaubarer Geist.



Miguel Alfonso Torres Morales
Erste rheinische Elegie




30.06.2019 00:00
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Ewig treibt die Frage mich
Darf ich?
Will ich?
Kann ich oder nicht?
Grinsend zeigt sich mein Dämon
Der mich quält so lange schon

Heute böse, morgen gut
Schwarz und weiß,
es steht mir beides gut
Denn ich bin ja nie allein
Ich bin Abel, ich bin Kain

Manchmal steh ich neben mir
Und schrei mich an
Wie es möglich ist
Dass ich zweimal in mir leben kann
Wohnen doch zwei Seelen, ach, in meiner Brust
Und die eine will nicht
Was die andre tuen muss

Ratlos sehen Freunde mich
Ist er's oder ist er's nicht?
Denn ich weine oder lache
Ganz danach, als was ich erwache

Heute ...
Manchmal ...

So fürchte ich mein Spiegelbild
Weil es so anders ist als ich
Hasse mich
Liebe mich
Weil mir schwarz und auch weiß niemals gilt

Denn ich kann mich nicht vereinen
Muss beim Lachen Tränen weinen
Fühle Liebe, fühle Hass
Beides wild und ohne Maß

Heute ...
Manchmal ...



Zwilling
Eric Fish






01.07.2019 16:21
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Brecher bersten
am steilen Gestade
Gischt peitscht
zerschmettert die fliehenden Wasser
in Böen geißelt der Wind
unsere Körper
wir schauen
benommen
von den Gewalten der See

Hans-Christoph Neuert

01.07.2019 16:25
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Vier Wasservögel
Ameisen
zwischen den Zehen
und von Sonne trunken
sieh mal die Sterne!
so viele über unsrer Kanuinsel
die gibt's nie mehr
halt die Taschenlampe
an diesen Birken
begraben wir das dünne Bier
die Füße jucken
vom Nachbarzelt lautes Geschnarch
nochmal die Birken
dieses Wasserbier!
aber die Sterne leuchten
nirgends sonst so klar wie hier

Stefanie Lahme


01.07.2019 16:29
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Traumurlaub

Ich tauche ab ins
Meer der Sinnlichkeit,
labe mich an
den Wellen
der Lust.

Schaue in das Himmelszelt
der Begierde,
vergrabe meine
Hände
in den Sand
der Zärtlichkeit.

Ich genieße die Sonne
der Zweisamkeit
und spiele
mit den
Muscheln
der
Erotik.

Wer braucht die Südsee?

Ich hab doch
Dich.

Andrea Koßmann

01.07.2019 17:08
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Der Strom sonst reich an vollen Wogen,
Floß träge dahin, um auszuruh’n;
Da kam der strenge Frost gezogen
Und schlägt ihn leicht in Fesseln nun.
Wie mancher, der durch träge Schwäche
So glatt, doch kalt und herzlos ward,
Wie mancher gleicht der toten Fläche,
Die warnend dir entgegenstarrt.
Erstarren kann nur, was verflacht ist,
Die Well’ als Welle friert nicht ein;
Wer sich zu rühren stets bedacht ist,
Wird nimmer kalt und fühllos sein.

Friedrich Julius Hammer

01.07.2019 18:21
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Wenn Große voller Dünkelsinn
Sich über dich erheben,
So bleibe ruhig, blicke hin –
Natur wird Trost dir geben.

Es fressen Esel und Giraffen
Wohl Gras und Blätter auf der Flur,
Doch sie in Seide umzuschaffen,
Vermag die kleine Raupe nur.

Unbekannt

02.07.2019 17:11
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Ich bereue die Augenblicke, in denen ich gelitten habe, nicht. Ich trage meine Narben wie Orden. Ich weiß, dass die Freiheit einen hohen Preis hat, einen ebenso hohen Preis wie die Versklavung; mit dem einzigen Unterschied, dass man den Preis der Freiheit freudig und mit einem Lächeln zahlt, selbst wenn man unter Tränen lächelt.

Paulo Coelho: Der Zahir


02.07.2019 19:40
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Schüttle nicht meine Seele,
oh Liebe zwischen Hoffen und Bangen,
zeig mir den Boden, auf dem ich fest stehen kann
oder sicher fallen, was davon kommt, das ist mir gleich, sofern ich Sicherheit bekomme.
Ist von allen Übeln das Schlimmste erst bekannt, so ist der größte Kummer fast schon überwunden.

Gib mir Sicherheit für meinen glückseligen Halt
oder Verzweiflung in deine dunkelste Kammer.
Jeder hat seine Ruhe: der eine in Freuden,
der andere in seiner Furcht, nichts sei mehr gut:
Ist von allen Übeln das Schlimmste erst bekannt, so ist der größte Kummer fast schon überwunden


John Downland





02.07.2019 19:46
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Die Wetterfahne

Der Wind spielt mit der Wetterfahne
Auf meines schönen Liebchens Haus.
Da dacht ich schon in meinem Wahne,
Sie pfiff' den armen Flüchtling aus.

Er hätt' es ehr bemerken sollen,
Des Hauses aufgestecktes Schild,
So hätt' er nimmer suchen wollen
Im Haus ein treues Frauenbild.

Der Wind spielt drinnen mit den Herzen,
Wie auf dem Dach nur nicht so laut.
Was fragen sie nach meinen Schmerzen?
Ihr Kind ist eine reiche Braut.

_____

Wilhelm Müller - Winterreise

06.07.2019 10:26
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Er haderte mit sich, bis er sich schließlich sagte, es sei eigentlich ganz normal, dass er nicht wisse, was er wolle.


Man kann nie wissen, was man wollen soll, weil man nur ein Leben hat, das man weder mit früheren Leben vergleichen noch in späteren korrigieren kann. Es ist unmöglich zu überprüfen, welche Entscheidung die richtige ist, weil es keine Vergleiche gibt.
Man erlebt alles unmittelbar, zum ersten Mal und ohne Vorbereitung. Wie ein Schauspieler, der auf die Bühne kommt, ohne vorher je geprobt zu haben.
Was aber kann das Leben wert sein, wenn die erste Probe für das Leben schon das Leben selber ist?
Aus diesem Grunde gleicht das Leben immer einer Skizze. Auch 'Skizze' ist nicht das richtige Wort, weil Skizze immer ein Entwurf zu etwas ist, die Vorbereitung eines Bildes, während die Skizze unseres Lebens eine Skizze von nichts ist, ein Entwurf ohne Bild.

Milan Kundera
Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins




06.07.2019 10:28
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Samtdunkel war der Nachthimmel, die Luft weich wie Seide, der Mond hing silbrig schimmernd gleich einer Laterne am Himmelszelt, traumschwer und voller Sehnsüchte dehnte sich diese Nacht und ich stand voller Verlangen nach einem vertrauten Menschen da und sah zum Sternenhimmel empor.
Ich fühlte seine Nähe - und doch war er so weit entfernt.
Würde er wie ich voller Sehnsucht stehen und sich fragen, wann wir zusammen sein werden?
Mein Blick schweift träumend in die Ferne und er sucht dich, dich, der du wie ich träumend von mir sehnsuchtsvoll den Blick in die Ferne des Nachthimmels richtest, dem Raunen des Windes lauschend, der von Liebe und Leidenschaft singt und wir sind uns so nah als stündest du neben mir.
Du bist so fern und doch so nah und unsere Seelen sind eins, eins unterm nachtdunklen Sternenhimmel in dieser schimmernden Vollmondnacht. Zauber des Anfangs
Jeder Anfang beinhaltet einen süßen Zauber und keiner weiß wo und wann er endet oder ob ihn erst der Tod beendet, wenn überhaupt, oder ob er er auch über den Tod hinaus wirkt.
Doch wir werden nie wissen, was er beinhalten wird oder was er bewirken wird wenn wir anfangen schon über ein mögliches Ende nachzudenken oder nicht den Mut haben etwas neues anzufangen. Oft sind das was du dir wünscht und das was du bekommst nicht das gleiche, aber so manches mal ist das was du bekommst mehr als du dir gewünscht hast.
Es gibt Menschen, die sagen sie fürchten sich davor andere zu nahe an sich heran zu lassen aus Furcht verletzt zu werden und doch verletzen sie sich selbst am meisten aus Furcht etwas zu verändern.

Rose von der Au




08.07.2019 07:01
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Wir sind Menschen, die in einer belebten Straße zufällig aneinander vorbeigegangen sind. Und du darfst nie wiederkommen, denn du bringst kein Glück."
"Wieso nicht?" fragte ich.
"Mir scheint es so", erwiderte sie, "Du bist als ein altes Kind geboren" - und sie strich mit den Fingern über meinen Mund - "du wirst nichts erleben als Erinnerungen; du wirst niemanden kennenlernen, außer um Abschied zu nehmen; und du wirst keinen Tag leben, ohne auf den Abend zu rechnen, oder auf die Nacht."

Cees Nooteboom
Das Paradies ist nebenan




08.07.2019 07:08
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"Alles Begehren setzt also voraus, dass die Statue die Vorstellung von etwas Besserem hat, als das ist, was sie augenblicklich ist, und dass sie über den Unterschied zweier auf einander folgender Zustände urtheilt.
Sind sie wenig verschieden, so leidet sie durch die Entbehrung der begehrten Daseinsweise weniger, und ich nenne das Gefühl, welches sie an sich erfährt, Missbehagen oder leichte Unzufriedenheit.
Die Thätigkeit ihrer Vermögen, ihre Begehrungen sind alsdann schwächer."



Étienne Bonnot de Condillac,
Abhandlung über die Empfindungen (Traité des sensations), III

Von den Begehrungen, den Leidenschaften, der Liebe, dem Hass, der Hoffnung, der Furcht und dem Willen in einem Menschen, der auf den Geruchsinn beschränkt ist.
Condillac's Abhandlung über die Empfindungen.
Berlin 1870




10.07.2019 19:33
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Zum 85. Todestag

Ach, ich weiß es wohl, daß deine Seele
tausendfach wie meine glüht. -
Eh' ich meinem armen Angstgemüt
einen kümmerlichen Ton entquäle,
ist dein Geist längst in die fernsten Fernen,
in den Himmel eingeschwebt,
und zu leuchtend wundersamen Sternen
hast du dein Gedicht gewebt.
Deine Qualen fügen sich zu Tränen,
die verklärend alles Leid verwischen. -
Könnte doch mein Tasten und mein Sehnen
sich mit deiner Glut vermischen! ...
Überwunden wären alle Qualen,
träf' mein Herz ein bleiches, leises Licht
aus den Garben Feuers, die so dicht
dir aus deinen tausend Seelen strahlen.

_____

Wie ich dich liebe!
Denn ich liebe alle dunkeln Fragen,
die die Wahrheit hinterm Auge tragen, -
und die Worte lieb' ich, die verschwiegen
auf dem Grunde einer Lüge liegen. -
Sag' mir nichts! - Ich will aus deinem Wesen
tief heraus mir jedes Goldkorn lesen; -
aus dem Schimmer der Verschwiegenheiten
will ich deiner Seele Bild bereiten; -
und es soll in meinem Herzen stehn,
hauchlos rein - und nur für dich zu sehn.





12.07.2019 12:00
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Wenn die Schuhe recht sind, vergißt man die Füße.
Wenn der Gürtel recht ist, denkt man nicht an die Hüften.
Wenn das Herz recht ist, gibt es kein Für und kein Wider.
Wenn das Verstehen um die Dinge recht ist, gibt es kein inneres Schwanken und kein äußeres Beeinflusst werden.

Dschuang Dsi

18.07.2019 22:12
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Nicht alle Schmerzen sind heilbar, denn manche schleichen
Sich tiefer und tiefer ins Herz hinein,
Und während Tage und Jahre verstreichen,
Werden sie Stein.
Du sprichst und lachst, wie wenn nichts wäre,
Sie scheinen zerronnen wie Schaum.
Doch du spürst ihre lastende Schwere
Bis in den Traum.
Der Frühling kommt wieder mit Wärme und Helle,
Die Welt wird ein Blütenmeer.
Aber in meinem Herzen ist eine Stelle,
Da blüht nichts mehr.



Ricarda Huch





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