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Versprengtes - weiterhin ...

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18.07.2019 22:14
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Jede einseitige Neigung ist ein Irrtum, den wir besiegen müssen.
Wir können in diesem Irrtum unsäglich leiden, mag er der Phantasie, oder einer großmütigen Herzensregung, oder einem sinnlichen Wohlgefallen, oder einer Mischung von dem allem entstammen – aber unrettbar verfallen sind wir nur der Empfindung, die zwei Seelen gleichzeitig erfaßt und zueinander zwingt.



Claire von Glümer, (1825 - 1906),
»Frau Domina«




28.07.2019 15:57
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Die weise Alte

Unerwartet ist sie da
und will es wissen.
Warum, meinst du, bist du hier?

Ich frage dich,
bist du ab und zu
über deinen Schatten gesprungen?

Hast du selbst bestimmt,
wie du lebst?

Hast du gekämpft für das,
was dir wichtig war?

Hast du den Mut gehabt,
aus heiterem Himmel zu lachen
und dabei dir,
deiner dunklen Seite zu begegnen?

Hast du eine Zeit
der Einsamkeit gekannt,
bist durch Wüsten gegangen
und dabei stärker geworden?

Hast du dich hingegeben
und berühren lassen?

Waren deine Begegnungen
lust- und liebevoll?

Hast du dich selbstvergessen
im Wind gedreht,
bist im warmen Regen gelaufen
und in Pfützen gesprungen?

Was hast du dir erlaubt?

Hast du barfuß
unter freiem Himmel getanzt?

Hast du dich beflügeln lassen
von deiner Phantasie?

Bist du im Mondschein
durch samtenes Wasser geschwommen
und hast dabei die Nacht entdeckt?

Hast du an Lagerfeuern
Geschichten erzählt
und den Frauen zugehört?

Hast du etwas riskiert?

Warst du einfallsreich?

Hast du deinen Einfällen
die Möglichkeit gegeben,
dich reich zu machen?

Hast du deine Träume gelebt?

Bist du neugierig geblieben
auf das, was noch kommt?

Dann lass uns gehen...


(Cambra Maria Skadé)


30.07.2019 22:48
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... aus dem fiktiven Brief des Paris an Helena



Da ich aber begierig war, deine gepriesen Schönheit zu betrachten, gab es nichts anderes, was meine Augen gefangen nahm. Als ich deine Gestalt erblickte, war ich betäubt und spürte, wie vom Schlag getroffen, wie die Brust anschwoll mit nie gefühlter Liebesqual:

Dieses Antlitz hatte Ähnlichkeit mit der Göttin von Cythera, wenn ich mich richtig erinnere, als sie zu meinem Urteil kam. Wenn du ebenso zu jenem Wettstreit gekommen wärst, dann wäre es zweifelhaft gewesen, ob Venus die Siegestrophäe davongetragen hätte. Großartig hat dich das Gerücht gepriesen, keinem Land ist deine Schönheit unbekannt. Unter den wohlgestalten Frauen hat keine einen solchen Ruf, ob in Phrygien oder im Orient !

Doch das glaube mir nur ! Das Bild, das man von dir hat, verblasst gegenüber der wahren Gestalt, das Gerede von deiner Schönheit ist dir geradezu abträglich. Ich habe hier mehr gefunden, als Venus mir versprochen hatte, und die Kunde von deiner Schönheit wird von der Wirklichkeit noch übertroffen. Zwangsläufig entbrannte Theseus, der deine ganze Schönheit sah, in Liebe, und du warst einem solchen Helden wert, geraubt zu werden, als du nach eurer Sitte nackt in der glänzenden Palaestra, als Frau unter die nackten Männer gemischt, an sportlichen Spielen teilnahmst.

Ich lobe ihn , dass er dich raubte. Aber ich wundere mich, dass er dich je zurückgab; an solch herrlicher Beute hätte man beharrlich festhalten müssen. Eher wäre dies Haupt vom blutigen Hals getrennt worden, als dass ich dich aus meinem Schlafgemach hätte wegholen lasse.

Würden meine Händen dich je loslassen wollen ? Würde ich, solange ich lebe, dich aus meiner Umarmung gehen lassen ? Wenn ich dich hätte wirklich zurückgeben müssen, dann hätte ich vorher dennoch mir etwas genommen, und meine Liebe wäre nicht gänzlich untätig gewesen.

OVID
Briefe der Heroinen
Epistulae (heroidum) / Heroides




editiert am 30.07.2019 22:54 Beitrag melden Zitatantwort
30.07.2019 22:56
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Verlust ist des Bleibenden Anfang

Wir fanden, aber wir hielten es nicht und versagten. Es nahm unsern Kopf in die Hände und küßte ihn. Lange war’s da. Doch immer vergeht, was wir haben, sowie wir es haben. Es flieht, um dann wirklich zu bleiben: als eines, das war. Bliebe es anders, verlör’s sich, sich duckend, im Alltag. Für niedrige Türen, Geliebte, ist Liebe zu groß und verrenkt sich, gedemütigt, rutscht, wenn wir sie schieben, auf Knien, verbeißt sich den Stolz. Und erträgt’s nicht.

Merkten wir nicht, was wir taten? Wie oft putzten wir Zähne gemeinsam, aßen so sprachlos zu Abend, die Aufmerksamkeiten erlascht, wie ein Echo ins Mehl klingt, dem schwarzen für Brot, das uns nährt, aber stumpf macht: das Brot stumpf, das Herz stumpf. So kauen wir. Stromrechnung, Miete, die tägliche Rücksicht, der Einkauf, beiseitegeschobne, als würden sie schänden, Verlangen. Die Zimmer zu schmale, wir spüren Verlust, aber schweigen ums Unheil. Denn sprächen wir’s aus, es wär ein Verrat, denkt man, der’s weckte und herlockt. Plötzlich, da stehn wir uns fremd da, uns selbst und als Fremde einander. Da gingst du.

Verlust ist des Bleibenden Anfang.
(...)


Alban Nikolai Herbst, aus:
»Das bleibende Thier • Bamberger Elegien«




01.08.2019 06:10
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Rätsel


Die Grille ist der Mönch des Vogels.
Seine Mutter ist die Distel,
seine Tochter ein Steinchen.

Und ich? Ich baue mein Nest
im schwankenden Seegras
und schwimme ins Rätsel hinein,

wo es kühl ist
und duftet nach ewiger Zeit.


(Cees Nooteboom)

01.08.2019 06:13
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...

Bittersüß,
unser Leben.
Es schwebt durch die Zeit ohne Halt
und dreht sich nicht um
an der Tür.


(Cees Nooteboom)

02.08.2019 05:40
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bewegt um zu bewegen

nicht mehr zuschauer sein
zupacken hand anlegen
den stein ins rollen bringen
bewegen wollen
machen tun
aber wenn ich bewegen will
muss ich bewegt sein
mich in das geheimnis geben
mutig sein
und mich verwandeln lassen
und den harten steinen trotzen
und dem langen atem trauen
und noch träumen können
und sehnsüchtig sein
und lieben lieben lieben
verletzbar und
verwundbar bleiben
leicht und fragil
und doch entschieden
frei
bewegt um zu bewegen
den stein aufweichen
und sei es mit tränen
zart bleiben
und sei es im zorn
aber
die dinge von innen bewegen


(Andrea Schwarz)


02.08.2019 05:42
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Das eigene Leben
tief gelebt
wächst immer
zu Wahrheiten
über sich selbst
hinaus


(Anais Nin)


02.08.2019 06:17
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Trugbild

Nie gewesen, der du sein wolltest,
der du dachtest, dass du warst.
Das falsche Kostüm
in einer verqueren Welt.

Immer mit der Lüge gegangen,
der ältesten Verlobten, nie geglaubt,
dass nächstliegende Worte

die innigsten sind. Für dich ist
die Erscheinung verwandter
als der erste Gedanke,

du hast zuviel Welt, zuviel Moos
an deinem Standbild, du stehst da
mit dem Buch, das du selbst nicht gelesen,

ein Mann aus Fleisch, der zu Kalk wurde,
ein Engel aus Schatten, allein,
gehüllt in deinen Namen
als leeren Beruf.


(Cees Nooteboom, So könnte es sein. Gedichte)


02.08.2019 19:48
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Es waren einmal zwei Bienen, die saßen am Eingang ihres Bienenkorbs in der Sonne. Lange Zeit hatte ein heftiger Sturm gewütet. Seine Gewalt hatte alle Blumen weggefegt und die Welt verwüstet. "Was soll ich noch fliegen", klagte die eine Biene. "Überall herrscht ein wüstes Durcheinander. Was kann ich da schon ausrichten!" Und traurig blieb sie sitzen. "Blumen sind stärker als der Sturm", sagte die andere Biene. "Irgendwo müssen noch Blumen sein, und sie brauchen uns, sie brauchen Besuch. Ich fliege los."

Phil Bosmans


02.08.2019 20:13
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Dein Atem wiegt mich sanft zu Frieden
an deinem Herzen ruhe ich
Licht mit neuem Wert beseelst du meine Träume
ich fühle wieder - Zuversicht

Hans-Christoph Neuert


27.08.2019 12:22
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Segen für das Kind

Wenn ich wüsste, was das Leben mit Dir vorhat, wenn ich wüsste, an welchen Wegkreuzungen Du innehalten und großen Mut brauchen wirst, und einen Menschen der mehr an Dich glaubt als Du es gerade vermagst, wenn ich wüsste, wie oft Du fallen wirst, wie oft zweifeln an der Gutheit der Dinge, dann eilte ich wohl voraus, um Dich zu erwarten, Dich zu beschützen, um Dich aufzurichten und zu bestärken, ja, sogar um an Deiner Stelle die Dinge zu tragen, die Dich bedrücken.

Aber das Leben teilt mit Dir sein eigenes Geheimnis, an das ich nicht rühren darf.

Dein Glück wird getragen sein von all den ernsten und leichtherzigen, den geringen und bedeutenden Entscheidungen, die in Dir reifen. Von den vielen Aufbrüchen, zu denen Du Dich selbst ermuntern wirst, auch angesichts größter Anstrengung. Es wird getragen sein von Deiner Bereitschaft zu hören, auf Deine innere Stimme, auf Dein sehnsuchtsvolles Herz, und auf den drängenden Ruf Deiner schöpferischen Kräfte.

So wie Du auf Deinem Weg lernen wirst, die Dinge mit wachsendem Vertrauen in Deine Hände zu nehmen, so werde ich lernen müssen, sie aus der Hand zu geben. Denn in Dir richtet sich das Leben auf wie in einem stolzen Feuervogel, der mit ausgebreiteten Schwingen die Himmel bereist, und dessen Kraft von der Flamme des Lebenshungers ebenso zehrt wie von der Asche erloschener Träume.

Ein starkes Herz schlage in Dir, eines das sich nicht schrecken lässt von den Kämpfen des Alltags, von den schmerzlichen Erfahrungen, die uns manchmal schon in jungen Jahren verwunden. Ein empfindsames Herz schlage in Dir, eines das berührbar bleibt für alle Wesen, die leiden und hoffen auf ihre Weise, und die Deine Sehnsucht nach Leben teilen. Ein frohes Herz schlage in Dir, eines das staunt über die Gegenwart des Größten im Kleinen, eines das sich erobern lässt von der Schönheit dieser Welt.


(Giannina Wedde,aus: In Deiner Weite lass mich Atem holen)


editiert am 27.08.2019 12:24 Beitrag melden Zitatantwort
27.08.2019 12:24
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mir die Liebe nicht
stehlen lassen
von denen
die nicht lieben können.

mir meine Hoffnung nicht
nehmen lassen
von denen
die fertig sind mit dem Leben.

mir die Kraft nicht
absprechen lassen
von denen
die sich nicht hingeben.

liebend sein
verletzbar bleiben
das Leben riskieren
mich schutzlos hingeben.

und das
Recht des Menschen schützen
zu lieben
und geliebt zu werden.


(Andrea Schwarz)



27.08.2019 15:26
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„Individualität!...
Ach, was man ist,
kann und hat, scheint arm, grau,
unzulänglich und langweilig;
was man aber nicht ist, nicht kann und
nicht hat,
das eben ist es,
worauf man mit jenem
sehnsüchtigen Neide
blickt, der zur Liebe wird,
weil er sich fürchtet,
zum Haß zu werden.

Thomas Mann


editiert am 27.08.2019 16:14 Beitrag melden Zitatantwort
27.08.2019 22:49
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" Uns überfüllts.
Wir ordnens.
Es zerfällt.
Wir ordnens wieder und zerfallen selbst.“

Rainer Maria Rilke, aus: 8. Duineser Elegie

28.08.2019 09:41
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Das Wort Hoffnung und das Wort Vertrauen
das Wort Dankbarkeit und das Wort Treue
Freiheit nenne ich und das Wort Mut
auch Gerechtigkeit und das grosse Wort Frieden
und was wir Glück nennen Glückseligkeit
die unbegreifliche Gnade und das leise Wort Geduld
und das Wort Erbarmen ja davon lebe ich

Das Wort Mutter und das Wort Brot
Kind sage ich mein Vater mein Freund
und Freundlichkeit und Geborgensein
Meer sage ich und Baum und Himmel
Wolke und Siebenarmiger Leuchter
Traum sage ich und Nacht meine Schwester
ich nenne die Liebe und das zärtliche Wort Du

Feiern will ich die Wörter
von denen wir leben


(Lothar Zenetti)


29.08.2019 14:32
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Es heißt
ein Dichter
ist einer
der Worte
zusammenfügt

Das stimmt nicht

Ein Dichter
ist einer
den Worte
noch halbwegs
zusammenfügen

wenn er Glück hat

Wenn er Unglück hat
reißen die Worte
ihn auseinander

Erich Fried

07.09.2019 15:39
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ERSCHEINUNG

Weiß sah ich einen Engel vor mir stehen.
Sein Flug so blendend hatte Sturmeswehn
Und fernen Meereslärm zur Ruh gebracht.
>Was willst du, Engel, tun in dieser Nacht?<
Rief ich. Und er: >Ich will die Seele dein.<
Mir schien, was bang ich sah, ein Weib zu sein,
Und wehrend streckt ich meine Arme hin
Und schrie:
>Was bleibt mir, denn du willst ja fliehn.<
Doch Schweigen nur. Der Himmel, schattentief,
Erlosch...
>Nimmst meine Seele du<, ich rief,
Sag, welchem Orte trägst du sie denn zu?<
Noch immer Schweigen.
>Himmelsbote du,
Bist du der Tod, sprich, bist du Leben gar?<

Da, reich von Nacht mein Herz auf einmal war.
Und sich umdunkelnd, schöner doch als Licht:
> Ich bin die Liebe!< jetzt der Engel spricht.
Im Dunkeln sah ich seiner Augen Glanz
Und durch sein Schwingenpaar der Sterne Kranz.


Victor Hugo


07.09.2019 15:41
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Du bist auch deine DUNKELHEIT.
Die Abgründe und Widersprüche
gehören auch zu dir.
Die SCHATTEN geben deinem Leben
Tiefe und Menschlichkeit.


Ulrich Schaffer: Grundrechte


07.09.2019 15:45
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AUCH DANN


Bin ich auch nur ein leises Wort
im Sprachgewirr der Welt :
ich will verstanden sein!

Bin ich auch nur ein Augenblick
im schnellen Lauf der Zeit :
ich will empfunden sein!

Bin ich auch nur ein Schatten
unter tausend bunten Bildern :
so will ich doch, dass Du mich siehst!


Jost Renner



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