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Organspendeausweis

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10.05.2019 16:34
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Zitat
Tehejekuetrheed
schrieb am 10.05.2019 um 16:15:

Zitat
Tehejekuetrheed
schrieb am 10.05.2019 um 15:54:

(...)

Ich bevorzuge das Zeigen von Solidarität und Menschlichkeit zu Lebzeiten.


öhmmm...kann man auch als Verstorbene*r widersprechen oder auch nicht?

Und ist es nicht eine krasse Vorstellung - man kann sogar lebendig und tot Solidarität und Menschlichkeit zeigen.



Hmm..ich finde das nicht krass, sondern eher eine schöne Vorstellung...
Ich sag es für mich mal ganz einfach:
Letztlich spielt es, wenn ich irgendwo im Friedwald verstreut werde, keine Rolle mehr, ob meine Asche mehr oder weniger vollständig ist. Wenn ich aber mit ein paar halbwegs heilen Organen noch einem Menschen helfen kann, so finde ich diese Vorstellung sehr tröstlich und beruhigend.
Ich weite das Thema mal etwas aus auf den Aspekt der Knochenmarkspende - joo ist klar, die alte Nele ist natürlich auch da registriert - aber ich tue mich als Ex-Pflegerin vielleicht etwas leichter und pragmatischer...
Wie ist eure Position bezüglich dieser Form der "Organspende"?



10.05.2019 16:36
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Zitat
Tehejekuetrheed
schrieb am 10.05.2019 um 14:25:

Ok...konsequent gedacht..
Würden die zahlreichen Kritikerinnen hier auch kein Organ annehmen?
Sehe ich das richtig..also lieber Dialyse bis es nicht mehr geht..sterben auf Raten in kauf nehmen..?
Den Leuten, die dringend ein Organ benötigen, um überleben zu können, ihre Meinung geradeaus ins Gesicht sagen und sie ggf. ihrem Schicksal, sprich Tod überlassen?
Darum und nur (!) darum geht es..und im Kern um nichts anderes...
Wir sind alle potientielle Patienten..ich habe selbst 12 Jahre in der Pflege gearbeitet und lag im letzten Jahr in einer Klinik, Schläuche fühlen sich mega an (Vorsicht Ironie!!)...da hilft kein theoretisieren usw. da geht es um nackte Tatsachen..



wie ich selbst schon auf seite 1 schrieb: ich lehne es ab...sowohl das spenden als auch das empfangen.
für mich bringen emotionale keulen die diskussion kein stück weiter. sie dienen mmn nur dazu, anderen ein schlechtes gewissen zu machen, nach dem motto:" wieso bist du so egoistisch und nimmst deine organe mit ins grab, wenn du doch ein leben retten könntest?"
unsere gesellschaft verändert sich (zum glück?!)...man denkt aneinander und will gutes tun. dies kann man -wie gesagt aus MEINER sicht- aber nicht ewig verteilen. ressourcen sind endlich...und damit auch organe.
erst recht ein leben.

dieses wunderwerk der natur läuft gefahr, sich zu einem austauschwerk zu entwickeln. anstatt dass die menschen sich als einzigartig empfinden, wird der körper vollgepumpt mit allem, was eigentlich nicht dort hineingehört und nein, ich nehme mich selbst da nicht aus!

warum gehen wir dennoch so verschwenderisch damit um? und nein, ich unterstelle damit niemandem, mit absicht raubbau an sich selbst zu betreiben... .
ich selbst habe in meinen 28 jahren in der pflege so viele menschen im sterben und auch bis in den tod hinein begleitet, dass ich sie gar nicht mehr zählen kann.
doch ich habe gelernt, die kurze weile, die wir hier erhalten, als einzigartiges geschenk zu betrachten. und als solches sollten wir auch die bereitwilligkeit der potentiellen spender bei einem "ja" annehmen...und nicht als selbstverständlichkeit.

just my two cents

10.05.2019 16:37
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@Cornelia-Nele
Guckst du Beiträge Bedeutet - Ja, schon seit Jahren typisiert.

editiert am 10.05.2019 16:43 Beitrag melden Zitatantwort
10.05.2019 16:42
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Dass die Meinungen auseinandergehen, ist völlig klar. Aber ich bitte darum, dass jede Meinung dazu auch zu 100% aktzeptiert wird.

Jeder Mensch darf und kann das alleine entscheiden.

Ob ein Mensch einerseits ein Organ annehmen würde (was ich mir für mich, aus aktueller Sicht gar nicht vorstellen kann), und andererseits kein Spender wäre, oder umgekehrt, ist völlig irrelevant.

Alle, die gegen Organspende sind, haben ihre Gründe und Organspender haben auch ihre Gründe. Dies ist ganz einfach zu akzeptieren!

Für mich fühlt es sich eben völlig falsch an Organe zu spenden. Das mag anderen anders gehen und sie mögen dann anders entscheiden. Das ist ihr gutes Recht. Mich und andere dann aber so darzustellen, als würde ich "andere Menschen sterben lassen", ist rotzfrech.

Für viele Menschen, die nicht spenden, spielen gerade ethische Gründe eine große Rolle. Einige davon wurden im Thread zur Genüge genannt.

10.05.2019 16:45
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Verbale Keulen wie Austauschwerk und Ersatzteillager sind gleichfalls deplaziert.

Offensichtlich will der Gesetzgeber keine Selbstverpflichtung, die moralischen Fragen bleiben in allen Fällen jedoch die gleichen, wie auch immer die Begründungen in Einzelfällen sind.
Entscheidet eine Mehrheit Einzelfälle sich dagegen, wird ein Handel begünstigt. Derzeit.

Lediglich beim Autofahren ist es anders, mach ich die Augen zu und fahre gegen ein anderes Auto sind die Konsequenzen zu tragen.

Hau ich mir die Bierflasche gegen den Kopf werde ich im Solidarsystem versorgt, setze ich willentlich eine Mietwohnung unter Wasser, zahlt es die Versicherung.

So ist das.

editiert am 10.05.2019 16:48 Beitrag melden Zitatantwort
10.05.2019 16:53
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Allgemein finde ich es merkwürdig, wenn Organ-Spender*innen oder Organ-Nichtspender*innen etwas pauschal zu- oder abgesprochen wird.

Ich weiß gerade im Moment nicht, was ich tun werde - es sind für mich noch zuviele offene Fragen, um die ich mich gedanklich kümmern muss. Aber - es ist nicht immer leicht. Das Sterben nicht und das Leben auch nicht.

Für viele Missstände in dieser unserer Gesellschaft trägt nicht jede*r Einzelne*r die Verantwortung, obwohl man selbst von diesen profitieren kann. So kann man vieles ausblenden. Deshalb ist für mich die Widerspruchslösung der richtige Weg. Es wird auch niemand zur Organspende gezwungen. Man darf selbstbestimmt ja oder nein sagen. Aber für dieses Ja oder Nein trägt man die Verantwortung.

Edith, mach das nächste Mal schneller

editiert am 10.05.2019 17:09 Beitrag melden Zitatantwort
10.05.2019 16:57
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Achtung, nichts für schwache Nerven:

Hier geht es um die Erfahrung einer Mutter, deren Sohn Organspender war:

https://gesundheitsberate [...] offenen/



10.05.2019 17:01
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Zitat
Tehejekuetrheed
schrieb am 10.05.2019 um 16:53:

Umgekehrt finde ich es merkwürdig, dass Organ-Spender*innen etwas pauschal abgesprochen wird.

Ich weiß gerade im Moment nicht, was ich tun werde - es sind für mich noch zuviele offene Fragen, um die ich mich gedanklich kümmern muss. Aber - es ist nicht immer leicht. Das Sterben nicht und das Leben auch nicht.


Aha...was wird ihnen den pauschal abgesprochen?

10.05.2019 17:08
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ohh...Edith war zu langsam. @arose, ich habe mein Beitrag editiert.

10.05.2019 17:14
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Zitat
Tehejekuetrheed
schrieb am 10.05.2019 um 14:25:

Ok...konsequent gedacht..
Würden die zahlreichen Kritikerinnen hier auch kein Organ annehmen?
Sehe ich das richtig..also lieber Dialyse bis es nicht mehr geht..sterben auf Raten in kauf nehmen..?
Den Leuten, die dringend ein Organ benötigen, um überleben zu können, ihre Meinung geradeaus ins Gesicht sagen und sie ggf. ihrem Schicksal, sprich Tod überlassen?
Darum und nur (!) darum geht es..und im Kern um nichts anderes...
Wir sind alle potientielle Patienten..ich habe selbst 12 Jahre in der Pflege gearbeitet und lag im letzten Jahr in einer Klinik, Schläuche fühlen sich mega an (Vorsicht Ironie!!)...da hilft kein theoretisieren usw. da geht es um nackte Tatsachen..


Seit wann ist eine Dialyse (oder irgendeine andere medizinische Behandlung) Pflicht?

Für mich käme kein Zustand des Dahinvegetierens in Frage, wenn es keine Aussicht auf Besserung gibt. Darum habe ich auch eine Patientenverfügung. Ich möchte immer absolute Entscheidungsgewalt über mich und mein Leben haben und wenn es soweit sein sollte, auch in Würde gehen dürfen. Den Begriff der Würde definiert aber jeder anders. Für mich ginge die persönliche Würde schon sehr früh verloren.
Man kann sich immer gegen das Sterben auf Raten entscheiden, solange man entscheidungsfähig ist.

Ich finde, statt aus der Organspende eine Staatsaffäre zu machen, sollte man lieber solche Dinge wie die Patientenverfügung verpflichtend machen, damit die Last der Entscheidung nicht Angehörigen oder Ärzten aufgebürdet wird und feststeht, was der Patient wollte.

10.05.2019 17:49
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Zitat
Tehejekuetrheed
schrieb am 10.05.2019 um 16:34:

Zitat
Tehejekuetrheed
schrieb am 10.05.2019 um 16:15:

Zitat
Tehejekuetrheed
schrieb am 10.05.2019 um 15:54:

(...)

Ich bevorzuge das Zeigen von Solidarität und Menschlichkeit zu Lebzeiten.


öhmmm...kann man auch als Verstorbene*r widersprechen oder auch nicht?

Und ist es nicht eine krasse Vorstellung - man kann sogar lebendig und tot Solidarität und Menschlichkeit zeigen.



Hmm..ich finde das nicht krass, sondern eher eine schöne Vorstellung...
Ich sag es für mich mal ganz einfach:
Letztlich spielt es, wenn ich irgendwo im Friedwald verstreut werde, keine Rolle mehr, ob meine Asche mehr oder weniger vollständig ist. Wenn ich aber mit ein paar halbwegs heilen Organen noch einem Menschen helfen kann, so finde ich diese Vorstellung sehr tröstlich und beruhigend.
Ich weite das Thema mal etwas aus auf den Aspekt der Knochenmarkspende - joo ist klar, die alte Nele ist natürlich auch da registriert - aber ich tue mich als Ex-Pflegerin vielleicht etwas leichter und pragmatischer...
Wie ist eure Position bezüglich dieser Form der "Organspende"?



Wenn ich tot bin und bereits Asche, interessiert mich das auch nicht mehr. Aber das sehe ich auch nicht als Disskusions- oder Entscheidungsgrundlage, weil alles, was vorher passiert, einfach nicht berücksichtigt wurde. Und es geht ja darum, was VOR dem Tod passiert.... darum, wie ich sterben möchte - sofern ich das überhaupt beeinflussen kann - nicht darum, was geschieht, wenn ich tot bin. Da kann man mich von mir aus in einem Namenlosgrab verscharren - interessiert mich nicht.

10.05.2019 18:02
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Zitat
Tehejekuetrheed
schrieb am 10.05.2019 um 16:45:

Verbale Keulen wie Austauschwerk und Ersatzteillager sind gleichfalls deplaziert.

Offensichtlich will der Gesetzgeber keine Selbstverpflichtung, die moralischen Fragen bleiben in allen Fällen jedoch die gleichen, wie auch immer die Begründungen in Einzelfällen sind.
Entscheidet eine Mehrheit Einzelfälle sich dagegen, wird ein Handel begünstigt. Derzeit.

Lediglich beim Autofahren ist es anders, mach ich die Augen zu und fahre gegen ein anderes Auto sind die Konsequenzen zu tragen.

Hau ich mir die Bierflasche gegen den Kopf werde ich im Solidarsystem versorgt, setze ich willentlich eine Mietwohnung unter Wasser, zahlt es die Versicherung.

So ist das.


"Ersatzteillager" und auch "wie ein verschrottetes Auto" sind Eindrücke, die Hinterbliebene hatten, die ihre zuvor noch lebenden Angehörigen noch einmal nach der Organentnahme sahen. Ich glaube, dass diese Eindrücke noch um einiges verstörender sind, als der verbale Eindruck in dieser Konversation. Das Thema ist grundsätzlich ganz nah an pietätlos, weil sterben an sich heute keinen Raum hat in der sichtbaren Öffentlichkeit und die wenigsten hatten damit weder persönlich schon zu tun, noch gedanklich, aber im Einzelfall ist das dann alles andere, als ein Gedankenkonzept.

Dafür, dass sich die meisten keine Vorstellungen davon machen, was eine Organentnahme unter Umständen bedeuten kann, finde ich, dass der Worstcase dieser Bezeichnung genau den richtigen Eindruck macht.

Edit: Gedankenknoten entfernt

editiert am 10.05.2019 18:06 Beitrag melden Zitatantwort
10.05.2019 18:06
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Zitat
Tehejekuetrheed
schrieb am 09.05.2019 um 20:34:

Ich hab meinen noch während meiner Ausbildung zur Krankenschwester ausgestellt und einer Entnahme in Narkose zugestimmt. Außerdem habe ich die Cornea ausgeschlossen, weil ich mal bei einer Entnahme dabei war und das sehr unschön fand.

Mein Grund ist dabei gar nicht altruistisch, sondern sehr egoistisch. Jeder Organspender erhält die bestmögliche intensivmedizinische Versorgung. Mehrere, voneinander unabhängige Intensivmediziner (die nicht an der Transplantation beteiligt sind) bestätigen den Hirntod. Das passiert nicht nach dem ersten Nulllinien-EEG (über 30 Minuten keine messbare Hirnaktivität), sondern es müssen fest definierte Zeitfenster verstreichen, bevor die rechtssichere Feststellung erfolgen kann. Es gibt in Deutschland etwa eine Zilliarden Richtlinien dafür. Und der Hirntod wird nicht ausschließlich bei Vorhandensein eines Organspendeausweises diagnostiziert, sondern auch um überhaupt festzustellen, ob lebenserhaltende Maßnahmen noch sinnvoll sind (oder ob die Apparate ausgeschaltet werden sollten).

Und ganz ehrlich, ich möchte selbst wenn ich evtl. ggf. nochmal aufwachen könnte (wovon ich bei Verlust des u. A. Atemreflexes, des Hustenreflexes, sonstiger Hirnstammreflexe und einem Nulllinien-EEG nicht ausgehe), mir nicht monate- oder gar jahrelang wie eine welke Gurke in irgendeinem Bett den Hintern wundliegen. Das hat nix mehr von Lebensqualität.

Und auch wenn ich von unserem aktuellen Gesundheitsminister aus vielerlei Gründen nichts halte, bin ich ein Sympathisant der Widerspruchslösung. Weil die dazu zwingt, sich mit dem Thema zu befassen und eine Entscheidung zu treffen. Und ich das außerdem nur für fair halte, da auch in Deutschland Organe über Eurotransplant bezogen werden, die wiederum allzu oft aus Ländern stammen, die eine Widerspruchslösung haben.


Mir geht es ähnlich. Ich bin Anästhesistin und Intensivmedizinerin. Ich habe davor Krankenschwester gelernt und im Rahmen beider Berufe schon Patienten betreut und behandelt die erst kurativ behandelt wurden, dann leider den Hirntod erlitten und letztendlich explantiert wurden. Es ist kein einfacher Weg für die angehörigen, wie auch für die Behandler und Pflegenden - vor allem wenn junge Menschen sterben empfindet man das als ziemlich unfair. Man kämpft wie ein Löwe für das Überleben eines Patienten und muss dann feststellen dass alle Mühe umsonst war. Irgendwann muss man sich der Realität stellen und auch die Angehörigen mit dieser konfrontieren - dass der geliebte Mensch wahrscheinlich nie wieder aufwachen wird und man wird fragen was der Mensch der dort im sterben liegt, am Leben gehalten von Maschinen, sich für seinen Tod gewünscht hätte. Leider ist es oft so dass Patienten keine Patientenverfügung haben, geschweige denn eine Vorsorgevollmacht und man als behandelndes Team auf die Aussage von dem Patienten nahestehenden Menschen wie Angehörige oder enge Freunde angewiesen ist um herauszufinden was der Patient für ein Mensch war, welche Wertvorstellungen er hatte und vor allem welche Vorstellungen er zu dieser Situation hatte. Wohl dem Patienten der eine aussagekräftige Patientenverfügung und einen Organspendeausweis hat. Auch wenn dort eine Organspende negiert wird ist es nunmal eine Aussage.

Nach der folgenden Hirntoddiagnostik welche durch 2 intensivmedizinisch erfahrene Ärzte ( Fachärzte ), davon ein Neurologe oder / Neurochirurg, zu zwei verschiedenen Zeitpunkten durchgeführt wird ist davon auszugehen dass ein Mensch cerebral verstorben ist. Er wird nie wieder aufachen, die Augen öffnen, sich mitteilen. All das was diesen Menschen ausmachte ist tot und damit ist der Mensch als rechtlich verstorben anzusehen. Hier endet normalerweise eine intensivmedizinische Therapie und man beendet diese, da man tote Menschen nicht mehr therapieren muss. Es ist einfach schwer zu begreifen dass dieser rosige, warme Körper mit schlagendem Herzen und scheinbaren Atembewegungen tot ist . Aber leider ist dem so. Die intensivmedizinische therapie würden nur fortgeführt wenn dieser Mensch Organe spenden möchte und dies auch kann ( nicht jeder Mensch ist ein geeigneter Organspender ).

Ich habe im Laufe meiner Karriere schon einige Explantationen begleitet und habe diese Menschen immer mit einer Anästhesie und Analgesie auf ihren letzten Weg begleitet. Auch wenn ich weiss dass diese Anästhesie eher für das betreuende Team wichtig ist, als für den Patienten ( denn sie dämpft nur Reflexe die auf spinaler Ebene noch intakt sein können ), sehe ich es als meinen letzten Dienst an meinem Patienten ihn auf diesem Weg nicht alleine zu lassen. Es ist paradox - dieser Mensch ist tot - man behandelt ihn aber doch wie einen sterbenden Patienten und erweist ihm den Respekt nicht alleine zu sterben und in Würde zu gehen. So wurde es mir in meiner Ausbildung von anderen Ärzten und Pflegenden vorgelebt und ich habe vor dieses auch an die Menschen die ich ausbilden werde weiterzugeben.

Auch wenn es oft schwer aushaltbar ist als Behandler einen Menschen auf diesem Weg zu begleiten , so habe auch ich eine Patientenverfügung und einen Organspendeausweis in dem ich verfüge dass ich meine Organe im Falle meines (Hirn)todes spenden möchte - denn ich brauche sie dann nicht mehr und helfe einem Menschen der dringend auf einen Organersatz angewiesen ist.

So long .. just my2cents

editiert am 10.05.2019 18:07 Beitrag melden Zitatantwort
10.05.2019 18:14
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Zitat
Tehejekuetrheed
schrieb am 10.05.2019 um 18:06:

Zitat
Tehejekuetrheed
schrieb am 09.05.2019 um 20:34:

Ich hab meinen noch während meiner Ausbildung zur Krankenschwester ausgestellt und einer Entnahme in Narkose zugestimmt. Außerdem habe ich die Cornea ausgeschlossen, weil ich mal bei einer Entnahme dabei war und das sehr unschön fand.

Mein Grund ist dabei gar nicht altruistisch, sondern sehr egoistisch. Jeder Organspender erhält die bestmögliche intensivmedizinische Versorgung. Mehrere, voneinander unabhängige Intensivmediziner (die nicht an der Transplantation beteiligt sind) bestätigen den Hirntod. Das passiert nicht nach dem ersten Nulllinien-EEG (über 30 Minuten keine messbare Hirnaktivität), sondern es müssen fest definierte Zeitfenster verstreichen, bevor die rechtssichere Feststellung erfolgen kann. Es gibt in Deutschland etwa eine Zilliarden Richtlinien dafür. Und der Hirntod wird nicht ausschließlich bei Vorhandensein eines Organspendeausweises diagnostiziert, sondern auch um überhaupt festzustellen, ob lebenserhaltende Maßnahmen noch sinnvoll sind (oder ob die Apparate ausgeschaltet werden sollten).

Und ganz ehrlich, ich möchte selbst wenn ich evtl. ggf. nochmal aufwachen könnte (wovon ich bei Verlust des u. A. Atemreflexes, des Hustenreflexes, sonstiger Hirnstammreflexe und einem Nulllinien-EEG nicht ausgehe), mir nicht monate- oder gar jahrelang wie eine welke Gurke in irgendeinem Bett den Hintern wundliegen. Das hat nix mehr von Lebensqualität.

Und auch wenn ich von unserem aktuellen Gesundheitsminister aus vielerlei Gründen nichts halte, bin ich ein Sympathisant der Widerspruchslösung. Weil die dazu zwingt, sich mit dem Thema zu befassen und eine Entscheidung zu treffen. Und ich das außerdem nur für fair halte, da auch in Deutschland Organe über Eurotransplant bezogen werden, die wiederum allzu oft aus Ländern stammen, die eine Widerspruchslösung haben.


Mir geht es ähnlich. Ich bin Anästhesistin und Intensivmedizinerin. Ich habe davor Krankenschwester gelernt und im Rahmen beider Berufe schon Patienten betreut und behandelt die erst kurativ behandelt wurden, dann leider den Hirntod erlitten und letztendlich explantiert wurden. Es ist kein einfacher Weg für die angehörigen, wie auch für die Behandler und Pflegenden - vor allem wenn junge Menschen sterben empfindet man das als ziemlich unfair. Man kämpft wie ein Löwe für das Überleben eines Patienten und muss dann feststellen dass alle Mühe umsonst war. Irgendwann muss man sich der Realität stellen und auch die Angehörigen mit dieser konfrontieren - dass der geliebte Mensch wahrscheinlich nie wieder aufwachen wird und man wird fragen was der Mensch der dort im sterben liegt, am Leben gehalten von Maschinen, sich für seinen Tod gewünscht hätte. Leider ist es oft so dass Patienten keine Patientenverfügung haben, geschweige denn eine Vorsorgevollmacht und man als behandelndes Team auf die Aussage von dem Patienten nahestehenden Menschen wie Angehörige oder enge Freunde angewiesen ist um herauszufinden was der Patient für ein Mensch war, welche Wertvorstellungen er hatte und vor allem welche Vorstellungen er zu dieser Situation hatte. Wohl dem Patienten der eine aussagekräftige Patientenverfügung und einen Organspendeausweis hat. Auch wenn dort eine Organspende negiert wird ist es nunmal eine Aussage.

Nach der folgenden Hirntoddiagnostik welche durch 2 intensivmedizinisch erfahrene Ärzte ( Fachärzte ), davon ein Neurologe oder / Neurochirurg, zu zwei verschiedenen Zeitpunkten durchgeführt wird ist davon auszugehen dass ein Mensch cerebral verstorben ist. Er wird nie wieder aufachen, die Augen öffnen, sich mitteilen. All das was diesen Menschen ausmachte ist tot und damit ist der Mensch als rechtlich verstorben anzusehen. Hier endet normalerweise eine intensivmedizinische Therapie und man beendet diese, da man tote Menschen nicht mehr therapieren muss. Es ist einfach schwer zu begreifen dass dieser rosige, warme Körper mit schlagendem Herzen und scheinbaren Atembewegungen tot ist . Aber leider ist dem so. Die intensivmedizinische therapie würden nur fortgeführt wenn dieser Mensch Organe spenden möchte und dies auch kann ( nicht jeder Mensch ist ein geeigneter Organspender ).

Ich habe im Laufe meiner Karriere schon einige Explantationen begleitet und habe diese Menschen immer mit einer Anästhesie und Analgesie auf ihren letzten Weg begleitet. Auch wenn ich weiss dass diese Anästhesie eher für das betreuende Team wichtig ist, als für den Patienten ( denn sie dämpft nur Reflexe die auf spinaler Ebene noch intakt sein können ), sehe ich es als meinen letzten Dienst an meinem Patienten ihn auf diesem Weg nicht alleine zu lassen. Es ist paradox - dieser Mensch ist tot - man behandelt ihn aber doch wie einen sterbenden Patienten und erweist ihm den Respekt nicht alleine zu sterben und in Würde zu gehen. So wurde es mir in meiner Ausbildung von anderen Ärzten und Pflegenden vorgelebt und ich habe vor dieses auch an die Menschen die ich ausbilden werde weiterzugeben.

Auch wenn es oft schwer aushaltbar ist als Behandler einen Menschen auf diesem Weg zu begleiten , so habe auch ich eine Patientenverfügung und einen Organspendeausweis in dem ich verfüge dass ich meine Organe im Falle meines (Hirn)todes spenden möchte - denn ich brauche sie dann nicht mehr und helfe einem Menschen der dringend auf einen Organersatz angewiesen ist.

So long .. just my2cents




Ich habe auch einen!

10.05.2019 18:15
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Zitat
Tehejekuetrheed
schrieb am 10.05.2019 um 15:58:

Es tut mir wirklich leid, wenn ich das jetzt mal so anbringen muss, aber dieses Gerede vom "System", welches dem Individuum irgendetwas abverlangt, von dem "System", das von Transplantationen profitiert und dem "System", was in der Vergangenheit "ausgenutzt" wurde, hat für mich einen wirklich sehr bitteren Beigeschmack.

Dieses sogenannte "System" hält Menschen am Leben. Ob die Krankenkasse dafür bezahlt, wieviel sie bezahlt, ob jemand bestochen wurde, oder eben nicht.

Wie wichtig kann diese Fragestellung am Ende sein, wenn es darum geht, dass ein Mensch stirbt und ein anderer durch eine simple Entscheidung, die der versterbende zuvor bewusst getroffen hat, eine Chance auf mehrere Jahre weiteres Leben bekommt?

Das ist an Zynismus kaum zu übertreffen.


Nur weil ein System auch zu etwas gut ist, bedeutet das ja nicht automatisch, dass es nicht verbesserungswürdig ist oder nicht hinterfragt werden muss, ist es doch Ausdruck unseres gesammelten Menschseins in allen Bereichen.. mit allem Guten und allem Schlechten. So kann auch ein System nur ein Spiegel dessen sein. Warum darf es denn keine Kritik vertragen? Nur ein Dummkopf differenziert nicht und pauschalisiert und verdammt gleich alles.

Wichtig ist für mich diese Fragestellung lediglich dann, wenn ich mir gesellschaftliche Entwicklungen betrachte und in welche Richtung sie gehen und genau DANN finde ich Fragen nach "Wem nutzt es" und "Wie sieht es nach vorn hin aus" wesentlich, unabhängig davon, ob vordergründig auch jemand davon profitiert oder nicht. Auf jeden Fall dann, wenn ich daran interessiert bin, daran beteiligt zu sein, die Dinge etwas besser zu machen. Und mir ist bewusst, dass "besser" individuell ist, was auch gut ist.

Letztendlich darf man auch fragen, warum Geld, das aus dem Allgemeinwohl eingenommen wird, nicht ebenfalls dahin zurück fließt. Oder um konkret zu sein: Warum gibt es keinen gemeinnützigen Zweck für Geld für Organe? Warum ist der Umgang damit überhaupt nicht transparent? Und warum darf das nicht interessant sein, obwohl jemandem damit geholfen wird?

10.05.2019 18:22
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Zitat
Tehejekuetrheed
schrieb am 10.05.2019 um 18:14:



Ich habe auch einen!


Das freut mich sehr. Ich finde es einfach wichtig dass man sich Gedanken darüber gemacht hat wann und unter welchen Umständen man gehen möchte, was man an Therapie in welcher Situation noch als annehmbar empfindet und ob man spenden möchte oder nicht. Denn so wälzt man diese Last nicht auf seine Angehörigen ab und die wissen was man im Fall des Falles gewollt hätte. So erspart man diesen kräftezehrende langwierige Gespräche über den eigenen mutmaßlichen Willen und macht es dem behandelnden Team leichter den individuellen Willen zu respektieren und danach zu handeln. Nur wenn man all dies nicht weiss, gilt für die Behandler und Pflegenden in dubio pro vitam. Das heisst oft Lebenserhalt um jeden Preis, bis es irgendwann keinen Sinn mehr macht. Die moderne Intensivmedizin kann Menschen oder deren Körper lange am Leben erhalten - es ist halt nur die Frage ob es Sinn macht oder ob es ein quälendes hinauszögern eines absehbaren Endes ist. Wer sich darüber Gedanken macht und diese festhält gewinnt Kontrolle über sein Lebensende.

10.05.2019 18:24
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Zitat
Tehejekuetrheed
schrieb am 10.05.2019 um 17:14:

Ich finde, statt aus der Organspende eine Staatsaffäre zu machen, sollte man lieber solche Dinge wie die Patientenverfügung verpflichtend machen, damit die Last der Entscheidung nicht Angehörigen oder Ärzten aufgebürdet wird und feststeht, was der Patient wollte.


Das finde ich eine tolle Idee!
Aber wird wohl leider nicht zielführend sein. Es verdient niemand daran.

editiert am 10.05.2019 18:26 Beitrag melden Zitatantwort
10.05.2019 18:34
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Zitat
Tehejekuetrheed
schrieb am 10.05.2019 um 18:02:

Zitat
Tehejekuetrheed
schrieb am 10.05.2019 um 16:45:

Verbale Keulen wie Austauschwerk und Ersatzteillager sind gleichfalls deplaziert.

Offensichtlich will der Gesetzgeber keine Selbstverpflichtung, die moralischen Fragen bleiben in allen Fällen jedoch die gleichen, wie auch immer die Begründungen in Einzelfällen sind.
Entscheidet eine Mehrheit Einzelfälle sich dagegen, wird ein Handel begünstigt. Derzeit.

Lediglich beim Autofahren ist es anders, mach ich die Augen zu und fahre gegen ein anderes Auto sind die Konsequenzen zu tragen.

Hau ich mir die Bierflasche gegen den Kopf werde ich im Solidarsystem versorgt, setze ich willentlich eine Mietwohnung unter Wasser, zahlt es die Versicherung.

So ist das.


"Ersatzteillager" und auch "wie ein verschrottetes Auto" sind Eindrücke, die Hinterbliebene hatten, die ihre zuvor noch lebenden Angehörigen noch einmal nach der Organentnahme sahen. Ich glaube, dass diese Eindrücke noch um einiges verstörender sind, als der verbale Eindruck in dieser Konversation. Das Thema ist grundsätzlich ganz nah an pietätlos, weil sterben an sich heute keinen Raum hat in der sichtbaren Öffentlichkeit und die wenigsten hatten damit weder persönlich schon zu tun, noch gedanklich, aber im Einzelfall ist das dann alles andere, als ein Gedankenkonzept.

Dafür, dass sich die meisten keine Vorstellungen davon machen, was eine Organentnahme unter Umständen bedeuten kann, finde ich, dass der Worstcase dieser Bezeichnung genau den richtigen Eindruck macht.

Edit: Gedankenknoten entfernt


Es ist wie ich schon ausführte einfach schwer zu begreifen dass dieser intakte, rosige Körper mit schlagendem Herzen von vor einer Stunde einem Leichnam gewichen ist. Vor allem wenn man nicht im Sterbeprozess des Körpers dabei war. Diese Zäsur ist das was den Angehörigen in meinen Beobachtungen doch am meisten zu schaffen macht. Dieser Gedankensprung von das sieht und fühlt sich wie mein Angehöriger an zu das ist eine leere Hülle, ein Leichnam und mein Mensch den ich liebe ist nicht mehr. Ich wüsste nicht wie man diesen Transitionsprozess für die Angehörigen angenehmer machen könnte - der Verstorbene wird nichts mehr davon haben - ausser mit intensiven Gesprächen, für die zugegeben im Alltag leider nicht immer Zeit ist und die auch die Behandler durchaus überfordern. Man versucht seinem Patienten und den Angehörigen gerecht zu werden und darf darüberhinaus selbst nicht zu tief involviert sein, sonst geht man daran kaputt. Ein Grund warum die Intensivmedizin immer weniger Kollegen halten kann ... man wird dem eigenen Anspruch an gute, ethische Medizin nicht immer gerecht.

10.05.2019 18:38
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In diesem Zusammenhang ist mir vor kurzem eine wirklich gute Patientenverfügung über den Weg gelaufen, wo ich nur sagen konnte Hut ab - diese hilft uns als behandelndes Team wirklich weiter.

https://www.patientenverf [...] ung-opv/

Ohne mir die Dienstleistung dahinter zueigen machen zu wollen ... aber diese war etwas anderes als diese Ankreuzlisten, welche nach dem letzten BGH Urteil zu dieser Problematik uns als Behandler oft ratlos zurücklassen ...

10.05.2019 18:45
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@ missgarfield:
Ich bedanke mich für die professionelle Sicht in dieser Unterhaltung hier. Die finde ich wichtig, weil sie einen Teil für die objektive Betrachtung liefert - sofern die überhaupt möglich ist.

Und ich bin sicher, dass im besten Fall alles für die Versterbenden getan wird und für die Angehörigen und glaube auch nicht, dass das anders zu lösen ist als durch vorherige Aufklärung, was alles entnommen wurde und wie das jetzt aussieht, wenn sich trotzdem noch jemand verabschieden möchte. Dass wir aber mit einer medizinischen Sicht auf die Dinge alles abdecken, was zu bedenken oder zu wissen wäre, glaube ich nicht. Es ist eben nur der medizinische Teil. Aber für den hast Du hier gut Auskunft gegeben.

Auch bei jedem wichtigen Blick für Tiefe und Details liegt mir daran, über die einzelnen Bereiche hinaus zu sehen, weil man sonst den Zusammenhang verliert. Dann ist man fachlich hoch spezialisiert, versteht aber übergreifend immer weniger. Und ohne dass ich fachlicher Spezialisierung ihre Kompetenz oder ihre Notwendigkeit absprechen möchte - denn ich halte sie für wichtig - fehlt mir die andere Hälfte, mit der man sich für mein Dafürhalten zu wenig beschäftigt.Persönlich als auch kollektiv: Der Sinn und der Zusammenhang.

editiert am 10.05.2019 18:48 Beitrag melden Zitatantwort

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